18.09.2019

Ein Fünftel will wechseln

Hohe Dynamik auf dem Arbeitsmarkt

Etwa ein Zehntel der Beschäftigten in Österreich will aktuell den Job wechseln, weitere zwölf Prozent ziehen einen gänzlichen Berufswechsel in Erwägung. In Summe denken somit rund 700.000 Personen an eine berufliche Veränderung.

Die offizielle Arbeitslosenstatistik eignet sich nicht, um die wahre Dynamik auf dem Arbeitsmarkt zu beschreiben. Laut AMS wurden im Jahr 2018 rund 46 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse in Österreich beendet und neu begonnen. Etwa 650.000 Personen nahmen aus einer Arbeitslosigkeit heraus einen neuen Job an. Rund 300.000 Menschen wechselten direkt aus ihrem alten in einen neuen Job. Zudem zeigt der Arbeitsklima Index, dass etwa 20 Prozent aller Arbeitnehmer/-innen bzw. 700.000 Beschäftigte in Erwägung ziehen, ihre jetzige Beschäftigung oder sogar ihren Beruf wechseln zu wollen. Unter den jungen Arbeitnehmern/-innen unter 25 Jahren sind es sogar 35 Prozent. Auffällig sind auch geographische Unterschiede: In Wien wollen 30 Prozent ihre Firma oder den Beruf wechseln, in Salzburg 24 Prozent. In allen anderen Bundesländern liegen die Anteile unter dem Durchschnitt.

Problembereiche: Gastronomie und Handel

Den stärksten Drang zur beruflichen Veränderung haben Beschäftigte in der Gastronomie, im Tourismus und im Handel: Beinahe vier von zehn Kellnern/-innen, 36 Prozent der Regalbetreuer/-innen und ein Drittel der Angestellten in Gasthäusern und Hotels wollen künftig etwas Anderes arbeiten. Am anderen Ende der Skala ziehen nur ganz wenige Bankangestellte und Polizisten/-innen in Erwägung, sich eine andere Beschäftigung zu suchen.

Hauptgrund, den Job oder Beruf wechseln zu wollen, ist die negative Einschätzung der wirtschaftlichen Situation des Betriebs. Auch schlechter Führungsstil und mangelnde Zufriedenheit mit der eigenen Tätigkeit nähren den Wunsch nach beruflicher Veränderung. Nicht zuletzt haben auch geringe Einkommen und niedrige Einkommenszufriedenheit, schlechtes Betriebsklima, Zeitdruck und Arbeitsdruck sowie mangelnde Karriere bzw. Entwicklungsmöglichkeiten einen
spürbaren Einfluss auf die Höhe der Fluktuation in den Berufen und Branchen.

Resignation statt Jobsuche

Gleichzeitig suchen vor allem jene (unzufriedenen) Beschäftigten nach neuen Jobs, die sich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechnen. Das heißt aber im Umkehrschluss: Wer nicht daran glaubt, eine neue Arbeitsstelle finden zu können, resigniert im Berufsleben und
fängt trotz Unzufriedenheit erst gar nicht an, nach Alternativen zu suchen.

Grafik: Jobwechsel - beliebte und  unbeliebte Berufe © AK Oberösterreich


Basis: unselbständig Erwerbstätige, Angaben in Prozent, Analysezeitraum: 2017 - 2019

ARBEIT VERTEILEN

Kommentar von Dr. Johann Kalliauer
Präsident der AK Oberöster­reich

Johann Kalliauer © F. Stöllinger, Arbeiterkammer Oberösterreich
Johann Kalliauer © F. Stöllinger, Arbeiterkammer Oberösterreich


Die von der gescheiterten Bundesregierung beschlossene Ausweitung der Höchstarbeitszeiten auf zwölf Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche ist seit einem Jahr in Kraft. Sie
steht im krassen Widerspruch zu sämtlichen seriösen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Medizin - und auch im Widerspruch zu den Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dennoch ist der 12-Stunden-Tag längst in den Betrieben und in der Arbeitsrealität der Beschäftigten angekommen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt auf, dass es bereits in einem Drittel der Betriebe, die Gleitzeitregelungen haben, 12-Stunden-Tage gibt. Und auch aus den Daten des Arbeitsklima Index lesen wir heraus, dass unsere Warnungen berechtigt waren: Zwei Drittel der Beschäftigten machen Überstunden, knapp die Hälfte arbeitet gelegentlich länger als zehn Stunden pro Arbeitstag.

Dabei wollen Beschäftigte, die vertraglich eine wöchentliche Arbeitszeit von mindestens 30 Stunden vereinbart haben, weniger arbeiten - und nicht mehr. Umgekehrt ist es bei Teilzeitkräften, die weniger als 30 Stunden beschäftigt sind: Wer zwischen 16 und 29 Wochenstunden vereinbart hat, möchte um knapp eine Stunde aufstocken. Teilzeitkräfte, die weniger als 15 Stunden arbeiten, möchten sogar um fünf Stunden mehr arbeiten. Und nicht zuletzt ist es ein Gebot der Stunde, das gesamte Arbeitsvolumen auf alle Beschäftigten
zu verteilen - also auch auf jene, die derzeit arbeitslos sind.

ÜBERSTUNDEN

Fast die Hälfte arbeitet mehr als vertraglich vereinbart

In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der Beschäftigten, die zumindest gelegentlich oder sogar häufig Überstunden machen (müssen), von 59 auf 67 Prozent gestiegen.

Zwei Drittel aller Arbeitnehmer/-innen in Österreich müssen zumindest gelegentlich Überstunden machen, fast ein Fünftel schiebt sogar häufig Extraschichten. Insbesondere vollzeitbeschäftigte Männer zwischen 36 und 45 Jahren in der Industrie, am Bau und im Tourismus machen vielfach Überstunden - und zwar sowohl leitende Angestellte mit Universitätsabschluss als auch Fach- und Hilfsarbeiter/-innen.

Zufriedenheit sinkt

Fast die Hälfte der Beschäftigten arbeitet regelmäßig mehr Stunden als vertraglich vereinbart. Auch davon sind hauptsächlich Männer mittleren Alters betroffen. Während der Wirtschaftskrise war dieser Anteil - vorwiegend wegen der Kurzarbeit - auf rund 30 Prozent gesunken. Damals war die Zufriedenheit mit der Arbeitszeitregelung deutlich höher als heute: Während 2008 fast 80 Prozent mit der Arbeitszeit im Betrieb zufrieden waren, sind es jetzt „nur“ mehr etwas mehr als 70 Prozent. Bei Hilfsarbeitern/-innen mit Migrationshintergrund sowie im Tourismus ist die Zufriedenheit mit der Arbeitszeitregelung am niedrigsten.

Überstunden sind belastend

Wer häufig Überstunden macht, leidet verstärkt unter Zeitdruck und kann Arbeit und Privatleben schwer vereinbaren. Während fast 90 Prozent der Beschäftigten, die keine Überstunden machen müssen, über eine gute oder sogar sehr gute Vereinbarkeit berichten, sind es bei denen, die Überstunden leisten, weniger als 60 Prozent. 43 Prozent der „Vielarbeiter/-innen“ sind durch Zeitdruck belastet
- von jenen, die keine Überstunden machen müssen, beklagen nur zwölf Prozent eine Belastung durch Zeitdruck.

Grafik: Vereinbarkeit von Beruf und Familie © AK Oberösterreich

KÜRZER ARBEITEN

Insbesondere Eltern möchten weniger Stunden arbeiten

Die österreichischen Beschäftigten wollen durchschnittlich 36 Stunden arbeiten. Vier von zehn möchten weniger arbeiten, nur sieben Prozent wollen Stunden aufstocken.

Lange Arbeitszeiten und viele Überstunden haben einen negativen Einfluss auf die Gesundheit, die Arbeitssicherheit, die Leistungsfähigkeit und die Arbeitszufriedenheit. Je länger die tägliche und wöchentliche Arbeitszeit, desto geringer ist
die Zeit für Regeneration und Erholung und desto größer ist die Gefahr der Zunahme von psychischen und physischen Beschwerden und Arbeitsunfällen sowie höherer Fehlerquoten.

Wunsch: 2,2 Stunden weniger

Im Durchschnitt möchten die Beschäftigten in Österreich um 2,2 Stunden weniger arbeiten als sie es derzeit tun - und zwar quer durch alle Branchen und Berufe, insbesondere aber am Bau, im Transportwesen und im öffentlichen Dienst. Die Wunscharbeitszeit der Männer ist 38,8 Stunden, jene der Frauen 33,1 Stunden. Personen mit einer Gleitzeitregelung
im Betrieb wollen um fast vier Stunden weniger arbeiten als bisher. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigte, dass es bereits in einem Drittel der Unternehmen, die Gleitzeit praktizieren, 12-Stunden-Tage gibt. Diese stehen, wie auch der Arbeitsklima Index zeigt, im krassen Widerspruch zu den Arbeitszeitwünschen der Beschäftigten.

Wendepunkt Schuleintritt

In Familien wird die Haupterwerbsarbeit von Männern erbracht, während Frauen den Großteil der Erziehungs- und Hausarbeit neben ihrer Erwerbstätigkeit leisten (müssen). Ab dem Schuleintritt der Kinder geht die Schere auseinander: Besonders lange arbeiten Männer mit Kindern über sechs Jahren, nämlich 43,8 Stunden - sie möchten durchschnittlich um 4,1 Stunden reduzieren. Frauen mit schulpflichtigen Kindern arbeiten 31,5 Stunden - um 1,6 Stunden mehr als gewünscht.

BERUFE IN DER IT

Häufige Überstunden, aber hohe Arbeitszufriedenheit

Programmierer, Systemadministratoren, EDV-Techniker:
Die große Mehrheit der Beschäftigten in der  Informationstechnologie sind junge Männer mit guter Ausbildung.

Der „typische“ IT-Mitarbeiter ist männlich, unter 45 Jahre alt, verfügt über Matura oder Universitätsabschluss und Ist in einem unbefristeten Vollzeitjob Berufstätig. Die Lebens- und Arbeitszufriedenheit von Programmierern/-innen und EDV-Technikern/-innen ist überdurchschnittlich hoch. Ihr  Arbeitsklima Index liegt aktuell bei 109 Punkten.

Beschäftigte in der Informationstechnologie sind mit ihrem Einkommen deutlich zufriedener als der Durchschnitt aller Branchen und Berufe. Die wirtschaftliche Zukunft ihres Betriebes und die eigenen Arbeitsmarktchancen schätzen sie sehr positiv ein. Belastend wirken sich auf IT-Beschäftigte hoher Zeitdruck, ständig wechselnde Arbeitsabläufe sowie technische Veränderungen aus. Sie sind einem signifikant höheren Innovationsstress ausgesetzt als andere Arbeitnehmer/-innen.

Drei Viertel leisten Überstunden

Während im Durchschnitt aller Branchen und Berufe rund zwei Drittel der Beschäftigten zumindest gelegentlich Überstunden machen müssen (siehe Seite 2), sind es bei IT-Beschäftigten mehr als drei Viertel: 21 Prozent leisten häufig Überstunden, 57 Prozent gelegentlich. Dennoch klagen sie weniger über unregelmäßige und überlange Arbeitszeiten als andere Beschäftigte.

Grafik: Belastungen von IT-Beschäftigten © AK Oberösterreich

ÜBERSTUNDEN BLEIBEN OFTMALS UNBEZAHLT

Die rund 3,8 Millionen Beschäftigten
in Österreich haben 2018
laut Statistik Austria etwa sechs Milliarden
Arbeitsstunden geleistet. Mehr
als 672.000 Arbeitnehmer/-innen erbrachten
regelmäßig Überstunden
bzw. Mehrarbeit – in Summe 255,5
Millionen Stunden. Davon wurden
17 Prozent gar nicht bezahlt, weder in
Zeitausgleich noch in Geld. Die Beschäftigten
verloren dadurch rund eine
Milliarde Euro. Allein diese unentgeltlich
erbrachten Stunden entsprechen
rund 25.000 Vollzeitarbeitsplätzen.
Bei den Befragungen zum Arbeitsklima
Index gaben 7,2 Prozent der Beschäftigten
an, dass die Mehrarbeit gar nicht
erfasst worden sei bzw. nicht abgegolten
wurde. Die Hälfte der Beschäftigten konsumierte
die angehäuften Überstunden
in Form von Zeitausgleich, 42 Prozent
bekamen die Überstunden ausbezahlt.

DER ARBEITS­KLIMA INDEX

Die Sicht der Beschäftigten wird in wirtschafts- und sozial­politischen Diskussionen viel zu wenig berücksichtigt. Auch, weil es vermeint­lich zu wenig gesicherte Daten dazu gibt. Der Öster­reichische Arbeits­klima Index liefert seit 21 Jahren diese Daten und ist so ein Maßstab für den wirt­schaftlichen und sozialen Wandel aus Sicht der Arbeitnehmer/-innen. Er untersucht deren Einschätzung hinsichtlich Gesellschaft, Betrieb, Arbeit und Erwartungen. Der Arbeitsklima Index erfasst die s­ubjektive Dimension und erweitert so das Wissen über wirtschaftliche Entwick­lungen und ihre Folgen für die Gesellschaft.

Die Berechnung des Arbeitsklima Index beruht auf viertel­jährlichen Umfragen unter öster­reichischen Arbeitnehmern/-innen. Die Stichprobe von rund 4000 Befragten pro Jahr ist repräsentativ, sodass daraus relevante Schlüsse für die Befindlich­keit aller Arbeit­nehmer/-innen gezogen werden können. Der Arbeits­klima Index wird seit dem Frühjahr 1997 zweimal jährlich berechnet und veröffentlicht. Ergänzend gibt es Sonder­auswertungen.

DATEN ONLINE

Aktuelle Ergebnisse und Hinter­grund­informationen finden Sie unter ooe.arbeiterkammer.at/arbeitsklima.
Dort steht nicht nur die umfangreiche Arbeitsklima-Daten­bank für Aus­wertungen zur Verfügung, sondern es ist auch möglich, innerhalb weniger Minuten online den persönlichen Zufrieden­heitsindex am Arbeits­platz zu berechnen. Ebenfalls online ist der Führungskräfte Monitor: Er beantwortet die Frage, wie es um die Arbeits­zufriedenheit der österreichischen Führungskräfte steht.

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