08.11.2019

ARBEIT, DIE NICHTS WERT IST

Schlechte Bezahl­ung, geringer so­zialer Status

Fast 300.000 Berufstätige in Österreich kommen mit ihrem Einkommen nicht aus. Sie sind trotz Arbeit armutsgefährdet und haben das Gefühl, dass ihre Arbeit nichts wert ist.

Arbeit ist für den Großteil der Mensche die zentrale Grundlage für die Existenzsicherung. Aber nicht alle Beschäftigten können von ihrer Arbeit leben. Armut trotz Arbeit - das trifft in Österreich auf fast 300.000 Menschen oder sieben Prozent der Beschäftigten zu. Dazu kommen 43 Prozent, die sagen, ihr Lohn oder Gehalt reicht gerade aus, um über die Runden zu kommen.

Frauen, Junge, Migranten

Wer aber sind die Beschäftigten, die von ihren Einkommen nicht leben können? Frauen doppelt so häufig wie Männer, jüngere Arbeitnehmer/-innen unter 25 Jahren, Menschen mit maximal Pflichtschulabschluss, Migrantinnen und Migranten, Personen, die in den vergangenen zwölf Monaten arbeitslos
waren und in Jobs zurückkehren, von denen sie nicht leben können. Regional sticht Wien heraus - hier kommen 18 Prozent nicht mit dem Lohn oder Gehalt aus. Besonders armutsgefährdet sind einfache Angestellte und Hilfsarbeiter/-innen sowie Teilzeitkräfte - insbesondere im Tourismus - und atypisch Beschäftigte, wie etwa Leiharbeiter/-innen, geringfügig Beschäftigte oder Personen in befristeten Arbeitsverhältnissen.

Arm trotz Vollzeitjob

Ob man vom Einkommen leben kann, hängt auch stark von der geleisteten Arbeitszeit ab. Allerdings fällt auf, dass 43 Prozent aller Beschäftigten, die nicht von ihrem Lohn oder Gehalt leben können, mindestens 36 Wochenstunden arbeiten. Das betrifft vor allem Frauen im Tourismus, im Handel und im Gesundheits- und Sozialwesen, wo die harte Arbeit samt hoher Arbeitsbelastungen nicht entsprechend entlohnt wird.

Unzufrieden mit der sozialen Position

Diese klassischen „Frauenberufe“ haben zwar in der Regel ein hohes Ansehen, weil sie als gesellschaftlich wichtig gelten, sind aber schlecht bezahlt, bieten geringe Arbeitsplatzsicherheit und kaum Entwicklungsperspektiven. Daher sind die Beschäftigten in diesen Berufen zwar mit dem Ansehen ihrer Unternehmen zufrieden, nicht aber mit ihrer sozialen Position als Arbeitnehmerin. Auch das trifft vor allem auf Frauen, Menschen mit maximal Pflichtschulabschluss sowie einfache Angestellte und Hilfsarbeiter/-innen zu. Besonders dramatisch: Sieben von zehn Personen, die mit ihrem Einkommen nicht auskommen, sind mit ihrer sozialen Position in der Gesellschaft unzufrieden.

Grafik: Menschen mit geringen Einkommen sehen sich als "sozial schwach" © -, Arbeiterkammer Oberösterreich


MEHR RES­PEKT

Kommentar von Dr. Johann Kalliauer
Präsident der AK Oberösterreich

Johann Kalliauer © F. Stöllinger, Arbeiterkammer Oberösterreich
Johann Kalliauer © F. Stöllinger, Arbeiterkammer Oberösterreich

Die Hälfte der Beschäftigten in Österreich kommt mit dem Arbeitseinkommen kaum oder gar nicht über
die Runden. Vor allem Frauen verdienen oftmals so wenig für ihre harte Arbeit,
dass sie nicht wissen, wie sie sich und ihre Kinder bis zum Monatsende ernähren
sollen. Das ist respektlos. Denn die Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer sind die wahren Leistungsträger/-innen in unserer Gesellschaft. Egal, ob auf der Baustelle, im Forschungslabor, im Kindergarten, an der Supermarktkassa oder im Lohnbüro - ohne die Leistungen der Arbeitnehmer/-innen stünde in Österreich alles still.

Die Beschäftigten in Österreich sind mobil (wie die Auswertung des Arbeitsklima Index zum Pendeln zeigt), flexibel, produktiv, innovativ und vor allem fleißig. Die Produktivität ist in den vergangenen zwanzig Jahren doppelt so stark gestiegen wie die von den Unternehmen bezahlten Arbeitskosten. Das heißt: Die Früchte der Arbeit sind ungleich verteilt, weil die Eigentümer/-innen der Unternehmen überproportional von den Leistungen der Beschäftigten profitieren.

Darum ist es höchste Zeit für kräftige Lohn- und Gehaltserhöhungen sowie eine Anhebung der KV-Löhne und Gehälter auf mindestens 1.700 Euro. Gleichzeitig muss der 12-Stunden-Tag wieder abgeschafft werden, weil die Menschen weniger anstatt mehr arbeiten wollen, wie auch die Langzeitanalyse des Arbeitsklima Index auf Seite 4 belegt.

IMMER MEHR PEN­DLER

Acht von Zehn Burgen­länder pen­deln zur Arbeit

In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der Beschäftigten, die zur Arbeit pendeln müssen, um 10 Prozentpunkte gestiegen. Der überwiegende Großteil fährt mit dem Auto.

Rund 45 Prozent aller Beschäftigten in Österreich arbeiten in der eigenen Wohngemeinde. Das heißt umgekehrt: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten ist in einer anderen Gemeinde desselben Bundeslandes (48 Prozent), in einem anderen Bundesland (sechs Prozent) oder sogar außerhalb von Österreich (ein Prozent) berufstätig. Das Verhältnis zwischen Pendlern/-innen und Personen, die im Wohnort arbeiten, hat
sich innerhalb eines Jahrzehnts umgedreht: 2009 arbeiteten noch 55 Prozent in der eigenen Wohngemeinde, „nur" 45 Prozent mussten zum Arbeitsplatz pendeln.

Wiener brauchen am längsten

Die größten Pendleranteile gibt es im Burgenland (81 Prozent) und in Niederösterreich (68 Prozent). In beiden
Bundesländern hat das mit der Sogwirkung der Bundeshauptstadt als Arbeitsplatz zu tun. Umgekehrt ist der
Pendleranteil in Wien mit 27 Prozent am geringsten. Dafür brauchen rund zwei Drittel der Wiener Pendler/-innen länger als 30 Minuten, um in die Arbeit zu kommen - in ganz Österreich ist es nur ein Drittel.

Der Großteil fährt mit dem Auto

Der Großteil der Pendler/-innen fährt nach wie vor mit dem Auto in die Arbeit - nämlich 85 Prozent. Knapp ein Fünftel nutzt (zumindest teilweise) auch öffentliche Verkehrsmittel. In Wien ist dieser Anteil mit 69 Prozent viel höher, in Westösterreich mit 27 (Vorarlberg) beziehungsweise 22 Prozent (Tirol) auch überdurchschnittlich. Die „fleißigsten“
Autofahrer/-innen sind in Oberösterreich und im Burgenland
zuhause. Hier fahren jeweils 96 Prozent der Berufspendler/-innen mit dem Pkw zur Arbeit.

Grafik: Trendumkehr: Mehr als die Hälfte der Beschäftigen pendelt zur Arbeit © -, Arbeiterkammer Oberösterreich

SCHWER VER­EINBAR

Pendeln geht auf Kosten von Fa­milie und Frei­zeit

Wer weit und lange pendelt, kann Beruf und Privatleben schwer unter einen Hut bringen. Auf die Arbeits- und Lebenszufriedenheit hat das Pendeln aber kaum Einfluss.

Wer sich tagtäglich nach Wien, Linz oder Graz in Richtung Arbeitsplatz staut, muss doch wohl mit seinen Lebensumständen unzufriedener sein als jemand, der drei Minuten zu Fuß ins Büro geht. Diese Annahme stimmt nur bedingt. Denn das Pendeln im Allgemeinen und eine lange Pendeldauer im Speziellen wirkt sich weniger auf die Arbeitszufriedenheit, jedoch stark auf die Einschätzung der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit aus – und zwar in direktem Zusammenhang mit der täglich fürs Pendeln aufgewendeten Zeit: Je länger die Wegzeit in die Arbeit, desto
schlechter wird die Vereinbarkeit eingeschätzt. Während 85 Prozent der Beschäftigten, die weniger als 15 Minuten zur
Arbeit brauchen, Arbeit und Privatleben gut oder sehr gut unter einen Hut bringen, sind es bei jenen, die zumindest eine Stunde zu ihrem Arbeitsplatz unterwegs sind, nur 68 Prozent. Darüber hinaus gibt es aber keine besonderen
Effekte einer langen Pendeldauer auf die allgemeine Berufs- und Lebenszufriedenheit. Denn es sind vor allem gut ausgebildete Männer in gut bezahlten Vollzeitjobs, oftmals in Führungspositionen, die längere Wegstrecken auf sich nehmen, um an ihre Arbeitsplätze zu kommen.

Führungskräfte pendeln

Der Anteil von Führungskräften ist bei Pendlern/-innen mit langen Wegstrecken von über einer Stunde doppelt so hoch wie bei Beschäftigten mit kurzen Pendelstrecken. Sie nehmen bewusst eine längere Wegzeit zulasten der Vereinbarkeit von Familie und Karriere in Kauf, um in hoch bezahlten Berufen mit guten Arbeitsbedingungen zu arbeiten. Daher sind sie trotz der langen Pendeldauer zufrieden mit der beruflichen Tätigkeit und ihrem Leben insgesamt.

ZUFRIEDEN­HEIT

Arbeitsklima In­dex bei 109 Punkten

Nach einem gravierenden Einbruch im Frühjahr hat sich der Arbeitsklima Index jetzt wieder nahe beim Durchschnittswert der letzten 20 Jahre eingependelt.

Seinen bisherigen Höchststand hatte der Arbeitsklima Index mit 112 Punkten im Herbst 2007 während der Hochkonjunktur. Diese sorgte für niedrige Arbeitslosenquoten, relative Arbeitsplatzsicherheit und Optimismus unter den Beschäftigten. In der Wirtschaftskrise sank der Index dann rapide ab und erholte sich lange Zeit nicht mehr. Am geringsten war die Arbeitszufriedenheit im Frühjahr 2016 mit 105 Indexpunkten.

Unzufrieden mit dem 12-Stunden-Tag

Seither hat sich der Index erfreulicherweise wieder erholt. Wie schnell jedoch die Stimmung auf dem Arbeitsmarkt kippen kann, zeigt ein Blick auf das Frühjahr 2019: Nicht zuletzt die Diskussionen rund um die Einführung des 12-Stunden-Tages führten bei vielen Beschäftigten zu Verunsicherung und bei manchen zu einem plötzlichen Anstieg der Arbeitszeitbelastungen. Auch Führungsstil und Karrierechancen wurden im Frühjahr kritischer bewertet. Dadurch sank der Arbeitsklima Index innerhalb eines halben Jahres um fünf Punkte. Diese negative Stimmung ist aber in den vergangenen sechs Monaten wieder abgeflaut. Dadurch hat sich der Arbeitsklima Index erholt und in der Nähe des langjährigen Mittels bei 109 Punkten eingependelt. Nach Branchen betrachtet ist die Arbeitszufriedenheit im Tourismus am niedrigsten, in der Industrie und im Unterrichtswesen am höchsten. Wenig überraschend: Personen mit maximal Pflichtschulabschluss sind mit Abstand am unzufriedensten.

Grafik: Entwicklung des Arbeitsklima Index © -, Arbeiterkammer Oberösterreich

TEILZEIT MACHT NICHT GLÜCK­LICH

Die Zufriedenheit mit der Arbeitszeit ist in den vergangenen 20 Jahren um zehn Prozentpunkte gesunken. Personen, die häufig Überstunden machen, sind nur zur Hälfte mit ihrer Arbeitszeit zufrieden - um 20 Prozentpunkte weniger als zur Jahrtausendwende. Wer häufig Überstunden macht, kann Arbeit und Privatleben schwer vereinbaren. Gleichzeitig ist die Work-Life-Balance für viele Beschäftigte immer wichtiger

Auch Teilzeitkräfte sind heute deutlich unzufriedener. War Teilzeit damals für viele ein Modell, um Familie und Beruf
unter einen Hut zu bekommen, so wird sie heute zur Falle im doppelten Sinne: Wer Stunden aufstocken will, kann das
oftmals nicht tun, weil zu wenige Vollzeitjobs angeboten werden. Und wer über viele Jahre Teilzeit arbeitet, hat zu
befürchten, dass die geringe Höhe der zu erwartenden Pension direkt in die Altersarmut führt.

DER ARBEITSKLIMA INDEX

Die Sicht der Beschäftigten wird in wirtschafts- und sozialpolitischen Diskussionen viel zu wenig berücksichtigt.
Auch, weil es vermeintlich zu wenig gesicherte Daten dazu gibt. Der Österreichische Arbeitsklima Index liefert seit 22 Jahren diese Daten und ist so ein Maßstab für den wirtschaftlichen und sozialen Wandel aus Sicht der Arbeitnehmer/-innen. Er untersucht deren Einschätzung hinsichtlich Gesellschaft, Betrieb, Arbeit und Erwartungen. Der Arbeitsklima Index erfass die subjektive Dimension und erweitert so das Wissen über wirtschaftliche Entwicklungen und ihre Folgen für die Gesellschaft.

Die Berechnung des Arbeitsklima Index beruht auf vierteljährlichen Umfragen
unter österreichischen Arbeitnehmern/-innen. Die Stichprobe von rund 4.000 Befragten pro Jahr ist repräsentativ, sodass daraus relevante Schlüsse für die Befindlichkeit aller Arbeitnehmer/-innen gezogen werden können. Der Arbeitsklima Index wird seit der Frühjahr 1997 zweimal jährlich berechnet und veröffentlicht. Ergänzend gibt es Sonderauswertungen.

DATEN ONLINE

Aktuelle Ergebnisse und Hintergrundinformationen finden Sie unter ooe.arbeiterkammer.at/arbeitsklima. Dort steht nicht nur die umfangreiche Arbeitsklima-Datenbank für Auswertungen zur Verfügung, sondern es ist auch möglich, innerhalb weniger Minuten online den persönlichen
Zufriedenheitsindex am Arbeitsplatz zu berechnen. Ebenfalls online ist der Führungskräfte Monitor: Er beantwortet die Frage, wie es um die Arbeitszufriedenheit der österreichischen Führungskräfte steht.

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