Präsentismus: Krank zur Arbeit gehen

52,2 Prozent: So hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Krankheitstag am Arbeitsplatz verbracht wird. Aus der Anwesenheit der Beschäftigten zu schließen, dass im Betrieb alle fit und produktiv sind, kann sich daher als großer Irrtum erweisen. Neben den gesundheitlichen Folgen - längere Folgeerkrankung, heftiger Rückfall, chronische Erkrankung statt Heilung – zeigen die Daten, dass auch die Arbeitszufriedenheit direkt damit verbunden ist.

Präsentismus-Forschung wird immer wichtiger 

Zu Krankenständen und Krankenstandverhalten wird schon seit langem wissenschaftlich geforscht. Der Umstand, dass Arbeitnehmer/-innen trotz Erkrankung am Arbeitsplatz erscheinen („Präsentismus“), ist aber erst vor rund 20 Jahren verstärkt in den Fokus der Arbeitswissenschaft gerückt. Die Zahl wissenschaftlicher Studien, Publikationen und Tagungen zu diesem Thema ist massiv angestiegen. Bis 2016 erschienen 2753 wissenschaftliche Publikationen mit dem Wort „Präsentismus“ im Titel.

Ein Grund für das verstärkte Forschungsinteresse: diese Verhaltensweise hängt mit der Zunahme von Burnout-Symptomen sowie physischer und psychischer Gesundheitsbeeinträchtigungen ebenso zusammen wie mit abnehmender Arbeitszufriedenheit. Diverse Studien legen nahe, dass das Arbeiten trotz Erkrankung im Vergleich zu Krankenständen höhere individuelle und betriebliche Kosten zur Folge hat: die Schätzungen schwanken stark zwischen 1,8- bis zehnfach höheren Kosten. Zudem gehen Arbeitnehmer/-innen häufiger erkrankt in die Arbeit statt die Krankheit sinnvoll auszukurieren.

Präsentismus hat viele Gesichter

Jede/r Zweite nimmt zumindest manchmal Medikamente, um arbeiten zu können. Jede/r Fünfte sogar öfters. Arbeit im Krankheitszustand bedeutet: Krankheiten können verschleppt und schlimme Rückfälle oder größere Gesundheitsprobleme ausgelöst werden. Medikamente lindern zwar manchmal Krankheitssymptome und suggerieren dadurch Leistungsfähigkeit, sie ersetzen jedoch häufig nicht die nötige Schonung. Es wäre besser, sich auszukurieren. Hinzu kommen die Nebenwirkungen der Medikamente. All das kann die Konzentration schwächen und die Fehlerhäufigkeit erhöhen - bis hin zur erhöhten Unfallgefahr. Letztlich reduziert die Medikamenteneinnahme die Gefahr, Kollegen/-innen anzustecken, bei vielen Krankheiten nicht.

Grafik:Präsentismus hat viele Gesichter © AK Oberösterreich

Warum Menschen trotzdem arbeiten gehen

Auffallend ist: Bei denjenigen, die tatsächlich am häufigsten krank arbeiten, überwiegen Vermeidungsmotive. Sie führen zum Beispiel Angst vor übler Nachrede oder Angst, einen schlechten Eindruck bei Vorgesetzten zu machen als Gründe für ihr Verhalten an. Die Arbeitnehmer/-innen möchten also unangenehme Folgen von Krankenständen vermeiden. Wer das Gefühl hat, er/sie müsse sich bei Krankheit ständig rechtfertigen und Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen will, riskiert seine Gesundheit. Personen mit geringen Vermeidungsmotiven verbringen 46 Prozent ihrer Krankheitstage am Arbeitsplatz, jene mit hohen Vermeidungsmotiven sogar 69 Prozent.

Stress und Druck verstärken Präsentismus

Hoher Zeitdruck, hohe Komplexität der Aufgaben und hohe körperliche Anforderungen steigern die Wahrscheinlichkeit, krank zur Arbeit zu gehen. In diesem Fall dominiert noch stärker das Gefühl, man müsse krank zur Arbeit gehen, um negative Konsequenzen zu vermeiden. 

Grafik: Umgang der Betriebe mit dem Krankenstand © AK Oberösterreich

In Betrieben mit gutem Betriebsklima, hoher Führungsqualität, angenehmem Umgang mit Kollegen/-innen und hohem Verantwortungsbewusstsein für die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter/-innen sind Beschäftigte seltener krank und zeigen gleichzeitig eine geringere Neigung zu gesundheitsschädlichem Verhalten. Andererseits sind Beschäftigte in Betrieben mit hohem Druck, vielen Arbeitsstunden, hohen Verfügbarkeitsanforderungen und geringem Vertrauen in die Loyalität der Beschäftigten öfter krank und neigen auch vermehrt dazu, krank zur Arbeit zu gehen.

AK-Forderungen

  • Das Phänomen Präsentismus soll bei betrieblichen Gesundheitsprojekten stärker beachtet werden.
  • Kündigungsschutz im Krankenstand einführen und den Motivkündigungsschutz verstärken: Wer krank ist, muss sich auskurieren können. Darum muss auf ausreichend Personalressourcen geachtet werden, damit der Arbeitsdruck nicht noch höher wird.
  • Mehr arbeitsmedizinische, arbeitspsychologische und organisationssoziologische Forschung in Österreich, um die Gesundheit der Beschäftigten besser schützen zu können und wirksame Instrumente und Maßnahmen zu fördern.
  • Aktive Gesundheitsförderung sowie die Förderung eines positiven Führungsstils und Arbeitsklimas helfen - im Gegensatz zu restriktiven Krankenstands-Regelungen - sowohl Krankenstände als auch Präsentismus zu reduzieren. 

Medikamente lindern zwar Krankheitssymptome, ersetzen jedoch nicht die nötige Schonung.

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