15.11.2019

Die Leistungs­bilanz der Steyrer Beschäftigten

Egal ob auf der Baustelle, im Forschungslabor, im Kindergarten, an der Supermarktkassa oder im Lohnbüro. Und darüber hinaus beim Roten Kreuz und bei der Feuerwehr – überall dort arbeiten die wahren Leistungsträger/-innen, nämlich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Ohne sie stünde in Steyr und im gesamten Bundesland alles still. Die Arbeiterkammer Oberösterreich holt daher ihre Leistungen vor den Vorhang – mit der neuesten Leistungsbilanz der Beschäftigten aus den beiden Bezirken Steyr-Stadt und Steyr-Land. 

Im Jahresdurchschnitt 2018 waren im Arbeitsmarktbezirk Steyr – also in beiden Bezirken zusammen – 40.782 Menschen unselbständig beschäftigt – um 2,1 Prozent mehr als im Jahr zuvor und um 6,7 Prozent mehr als vor 10 Jahren. Das ist der geringste Zuwachs aller oberösterreichischen Bezirke. 

Haus­gemachter Fachkräfte­mangel

Äußerst bedenklich ist die Entwicklung bei den Lehrlingen und Lehrbetrieben: 2018 gab es in Steyr-Stadt um fast 31 Prozent und in Steyr-Land um knapp 28 Prozent weniger Betriebe, die Lehrlinge ausgebildet haben, als ein Jahrzehnt zuvor. Dadurch ist auch die Zahl der Lehrlinge spürbar gesunken. Allerdings fiel der Rückgang in Steyr aufgrund der industriell geprägten Betriebsstruktur mit zahlreichen Lehrwerkstätten geringer aus als im Landesdurchschnitt. Unterm Strich bleibt dennoch ein Minus von 16 Prozent – in Steyr-Land ist die Zahl der Lehrlinge um 22 Prozent gesunken. Hier ist der (angebliche generelle) Fachkräftemangel eindeutig ein hausgemachtes Problem. Dass es auch anders geht, zeigt die Firma Weber-Hydraulik in Losenstein, wo seit vielen Jahren die Lehrlinge etwa ein Zehntel der Belegschaft ausmachen.

Der Lohn für die harte Arbeit: Lohn­ungleich­heiten

Der wirtschaftliche Aufschwung ist auf den Gehaltskonten der Beschäftigten im Bezirk Steyr-Land bislang nicht zu verspüren. Denn viele Arbeitnehmer/-innen bekommen für ihre herausragenden Leistungen nach wie vor keine gerechte Gegenleistung ausbezahlt. Vor allem Frauen, und hier insbesondere Arbeiterinnen, müssen (unter anderem aufgrund von Teilzeitbeschäftigung) mit niedrigen Einkommen auskommen. 

In der Stadt-Steyr werden hingegen die bundesweit höchsten Medianeinkommen gezahlt – allerdings auch nur an die Männer. Nirgendwo sonst ist der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen so groß wie in Steyr. Das liegt daran, dass die gut bezahlten Jobs in der Industrie zu 85 Prozent von Männern besetzt sind.

Die Erwerbsquote liegt in Steyr mit 78,9 Prozent ganz knapp über dem Landesdurchschnitt. Das heißt, dass mehr als drei Viertel aller Frauen und 81 Prozent der Männer aus den Bezirken Steyr-Stadt und Steyr-Land erwerbstätig sind. Jeweils knapp ein Drittel aller Beschäftigten hat einen Teilzeitjob – mehr als 57 Prozent der Frauen in Steyr-Land und rund 51 Prozent der Arbeitnehmerinnen aus der Stadt Steyr. Bei den Männern sind jeweils rund 12 Prozent teilzeitbeschäftigt.

Gesundheitsberufe sind weiblich, Bau und Produktion männlich
Während im Bezirk Steyr-Land 4 von 10 Beschäftigten in Kleinstbetrieben mit weniger als 10 Mitarbeitern/-innen tätig sind, spielen in der Stadt Steyr Großbetriebe eine übergeordnete Rolle. Fast die Hälfte der in Steyr berufstätigen Arbeitnehmer/-innen ist in Betrieben mit mehr als 100 Beschäftigten tätig. Die größten Firmen in den Bezirken Steyr-Stadt und Steyr-Land sind:

  • die Firma BMW Motoren in Steyr
  • die Firma MAN Truck & Bus in Steyr
  • das Klinikum Steyr
  • die Firma SKF in Steyr
  • die Firma Agru Kunststofftechnik in Bad Hall 
  • der Magistrat der Stadt Steyr

Klare Geschlechter­trennung

Den höchsten Frauenanteil gibt es in Steyr-Land mit 81 Prozent im Gesundheits- und Unterrichtswesen. Auch in der Stadt Steyr ist der Gesundheitsbereich zu mehr als drei Viertel weiblich dominiert. Von den Beschäftigten am Bau sind in Steyr-Land 85 Prozent und in der Stadt Steyr 89 Prozent Männer. Die mit Abstand größte Branche ist in beiden Bezirken die Herstellung von Waren. Auch hier arbeiten vorwiegend Männer. Allerdings ist der Frauenanteil in der Produktion in Steyr-Land mit knapp 30 Prozent fast doppelt so hoch wie in der Stadt Steyr.

Arbeits­lose suchen intensiv nach neuen Jobs

Im vergangenen Jahr waren im Arbeitsmarktbezirk Steyr durchschnittlich 3.155 Personen arbeitslos, 831 befanden sich in Schulungsmaßnahmen des Arbeitsmarktservice und 31 Jugendliche suchten eine Lehrstelle. Die registrierte Arbeitslosigkeit lag bei 7,2 Prozent und damit deutlich über dem Landesdurchschnitt von 5 Prozent. Das ist die höchste Arbeitslosenquote in Oberösterreich. 

Die Arbeitsuchenden in Steyr brauchen auch vergleichsweise lang, wieder einen neuen Job zu finden, weil der Konkurrenzkampf auf dem Steyrer Arbeitsmarkt (bedingt durch hohe Einkommen in den Industriebetrieben und einen hohen Einpendleranteil) sehr hart ist. Das bezeugt auch die hohe Stellenandrangziffer von 3,5 Arbeitsuchenden pro freier Stelle. Dennoch haben 6 von 10 Arbeitslosen innerhalb von 3 Monaten eine neue Beschäftigung gefunden.

Viele Steyrer nehmen weite Arbeits­wege auf sich

Während in der Stadt Steyr ein großer Teil der Einwohner/-innen einen Arbeitsplatz findet, ist der Bezirk Steyr-Land ein klassischer Auspendlerbezirk. Mehr als 82 Prozent der unselbständig Beschäftigten aus dem Bezirk Steyr-Land müssen aus ihrer Heimatgemeinde auspendeln, um zur Arbeit zu gelangen – Tendenz weiter steigend. Knapp zwei Drittel müssen sogar aus dem Bezirk auspendeln. Das ist der dritthöchste Anteil aller oberösterreichischen Bezirke (nach Urfahr-Umgebung und Wels-Land).

Viele Beschäftigte aus beiden Bezirken legen weite Wegstrecken zurück, um in die Arbeit und wieder nach Hause zu kommen. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten aus Steyr-Land pendelt jeden Tag mehr als 40 Kilometer und jeweils rund acht Prozent fahren sogar mehr als 100 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz und zurück nach Hause. Für sie kostet die berufliche Mobilität viel Geld und wertvolle Zeit.

Die Steyrer Beschäftigten sind produktiv

Im vergangenen Jahr ist es der Arbeiterkammer gelungen, die veröffentlichten Jahresabschlüsse beinahe aller oberösterreichischen Mittel- und Großbetriebe (mit Ausnahme von Banken, Versicherungen und Non-Profit-Unternehmen) mit mehr als 49 Beschäftigten zu analysieren. In der Stadt Steyr sind das 23 Unternehmen mit mehr als 11.000 Beschäftigten, in Steyr-Land 21 Betriebe mit rund 3.700 Mitarbeitern/-innen. 

Was sie im Bilanzjahr 2017 vollbracht haben, kann sich sehen lassen: Die Pro-Kopf-Wertschöpfung (also jener Betrag, der pro Kopf erwirtschaftet wird) lag bei den Beschäftigten in der Stadt Steyr bei mehr als 90.000 Euro, bei jenen im Bezirk Steyr-Land bei knapp 70.000 Euro. Zieht man davon jeweils die durchschnittlichen Personalkosten ab, bleiben den Unternehmen jährlich immer noch mehr als 23.000 Euro bzw. mehr als 16.000 Euro pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter.



In Steyr ist man kreativ

Aber die Beschäftigten sind nicht nur produktiv, sondern auch innovativ und erfinderisch. Sei es direkt bei der Arbeit, wo viele Beschäftigte mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen aus dem täglichen Arbeitsprozess neue Ideen entwickeln, sei es im Hochschulsektor oder in den Forschungsabteilungen der Betriebe. Im vergangenen Jahr wurden beim Österreichischen Patentamt rund 2.400 Erfindungen aus ganz Österreich angemeldet, weltweit sogar mehr als 11.000 aus Österreich stammende Patente. Im Bundesländervergleich liegt Oberösterreich hier traditionell auf Platz 1. In den Bezirken Steyr-Stadt und Steyr-Land wurden im Vorjahr in Summe 39 Erfindungen angemeldet.

Beschäftigte tragen die Gesell­schaft

Es sind aber nicht nur diese Spitzenleistungen, die unsere Arbeitnehmer/-innen zu den wahren Leistungsträgern der Gesellschaft machen. Es ist auch ihr täglicher Arbeitseinsatz, ihre Bereitschaft zur Mehrleistung, wenn es der Arbeitsaufwand erfordert, ihre Bereitschaft zur (beruflichen) Weiterbildung, ihr ehrenamtliches Engagement, ihr familiärer Einsatz in der Kinderbetreuung und Altenpflege. 

Nur 2 Zahlen dazu: Mehr als eine Milliarde beruflicher Arbeitsstunden werden laut Statistik Austria jährlich in Oberösterreich geleistet, davon sind knapp 39 Millionen Überstunden beziehungsweise Mehrarbeitsstunden – diese Daten können allerdings nicht nach Bezirken aufgeschlüsselt werden. 

Der Lohn für die harte Arbeit: Lohn­ungleich­heiten

Der wirtschaftliche Aufschwung ist auf den Gehaltskonten der Beschäftigten im Bezirk Steyr-Land bislang nicht zu verspüren. Denn viele Arbeitnehmer/-innen bekommen für ihre herausragenden Leistungen nach wie vor keine gerechte Gegenleistung ausbezahlt. Vor allem Frauen, und hier insbesondere Arbeiterinnen, müssen (unter anderem aufgrund von Teilzeitbeschäftigung) mit niedrigen Einkommen auskommen. 

In der Stadt-Steyr werden hingegen die bundesweit höchsten Medianeinkommen gezahlt – allerdings auch nur an die Männer. Nirgendwo sonst ist der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen so groß wie in Steyr. Das liegt daran, dass die gut bezahlten Jobs in der Industrie zu 85 Prozent von Männern besetzt sind.

Am besten steigen die männlichen Angestellten in Steyr-Stadt mit mittleren Bruttogehältern von 4.307 Euro aus. Arbeiterinnen in der Stadt Steyr bekommen im Mittel nur 1.472 Euro brutto ausbezahlt. Quer über alle Beschäftigungsformen, Branchen und Berufe hinweg bekommen die Beschäftigten im Bezirk Steyr-Land mittlere Bruttoeinkommen von 2.205 Euro monatlich – um 145 Euro weniger als im Oberösterreich-Median. In Steyr sind die Einkommen deutlich höher: Mit 2.969 Euro liegt die Stadt auf dem ersten Rang unter den 18 oberösterreichischen Bezirken.




Die Beschäftigten sind die größten Steuer­zahler

Die oberösterreichischen Beschäftigten sind nicht nur an ihren Arbeitsplätzen die wichtigsten Leistungsträger/-innen – sie finanzieren auch zum größten Teil den Staat und das Gemeinwesen. Fast sieben Milliarden Euro haben sie im Jahr 2017 an Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen geleistet. Berücksichtigt man auch die Konsumsteuern, tragen die Beschäftigten in unserem Bundesland wesentlich mehr zur Finanzierung der staatlichen Leistungen bei, als die Gewinnsteuern aller Unternehmen in ganz Österreich ausmachen.

Die etwas mehr als 48.000 in den Bezirken Steyr-Stadt und Steyr-Land wohnenden Beschäftigten (einschließlich der öffentlich Bediensteten und Beamten/-innen) haben im Jahr 2017 insgesamt 470 Millionen Euro Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge (die sogenannten Arbeitnehmerbeiträge) gezahlt. Das sind rund 9.750 Euro pro Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer.

Fazit und Forderungen

Die Beschäftigten aus den beiden Steyrer Bezirken sind die mit Abstand wichtigsten Leistungsträger/-innen in der Statutarstadt und im angrenzenden Landbezirk. Dafür haben sie es verdient, anständig behandelt zu werden. Aber die Realität spricht oft eine andere Sprache: Arbeitsrechtsverstöße, Kündigungen im Krankenstand, unbezahlte Überstunden, Arbeiten auf Abruf, um nur einige Respektlosigkeiten zu nennen. Wo immer es geht, verhilft die Arbeiterkammer ihren Mitgliedern zu mehr Gerechtigkeit.

Den mobilen, flexiblen, produktiven, innovativen und fleißigen Beschäftigten haben es die Unternehmen zu verdanken, dass sie gut verdienen. Österreichweit ist die Produktivität in den vergangenen 20 Jahren doppelt so stark gestiegen wie die von den Unternehmen bezahlten Arbeitskosten. Das heißt: Die Früchte der Arbeit sind sehr ungleich verteilt, weil die Eigentümer/-innen der Unternehmen überproportional von den Leistungen der Beschäftigten profitieren.

Angriffe auf den Sozialstaat, wie sie in regelmäßigen Abständen von neoliberalen Unternehmensvertretern/-innen und konservativen Politikern/-innen vorgetragen werden, sind nicht akzeptabel. Denn die Beschäftigten zahlen sich mit ihrer Steuerleistung die Absicherung bei Krankheit, Arbeitslosigkeit oder in der Pension ohnehin selbst. Sie zahlen auch die Kindergärten, die Pflegeheime, die staatlichen Museen – alles Einrichtungen, die nicht nur von den Beschäftigten genutzt, aber vorwiegend von ihnen finanziert werden.

Die AK fordert daher:

  • kräftige Lohn- und Gehaltserhöhungen auf Basis der hohen Produktivität sowie eine Anhebung der KV-Löhne und Gehälter auf mindestens 1.700 Euro,

  • die Rücknahme der gesetzlichen Arbeitszeitverlängerung, die Kürzung der Normalarbeitszeit auf 35 Stunden, ein Recht auf die 4-Tage-Woche und die sechste Urlaubswoche nach 25 Arbeitsjahren für alle. Unternehmen sollen für jede Überstunde im Betrieb einen Euro Überstundenabgabe zahlen;

  • die Senkung der Lohnsteuer, einen steuerlichen Wohnbonus und eine Millionärssteuer,

  • sowie die Umwandlung der Pendlerpauschale in eine kilometerabhängige Direktzahlung.
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