22.11.2019

Jugendnetzwerk­dialog Steyr: Rege Diskussion und neue Konzepte gegen Mobilitäts­armut von Jugendlichen

Mobilität ist ein menschliches Grundbedürfnis. Um am sozialen, ökonomischen und kulturellen Leben teilhaben zu können, braucht es gute und leistbare Mobilitätsangebote. Viele junge Menschen in Österreich sind in ihrer Mobilität stark eingeschränkt. Insbesondere bei der Schul- und Berufswahl spielt das eine entscheidende Rolle. Bei der Ideenwerkstatt „Bewältigung von Mobilitätsarmut“ des Jugendnetzwerkes Steyr/Kirchdorf in der Arbeiterkammer Steyr mit Teilnehmern/-innen von sozialen Organisationen, Institutionen, Schulen und Betrieben wurden Lösungsstrategien diskutiert. AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer fordert etwa, dass Jugendliche in Unterstützungsangeboten, wie zum Beispiel der Produktionsschule, den gleichen Zugang zum Lehrlings- und Jugendticket haben sollen wie Lehrlinge und Schüler/-innen.

Fehlende Öffentliche Verkehrsmittel

Viele Jugendliche, gerade im ländlichen Raum, leiden darunter, dass das Netz öffentlicher Verkehrsmittel häufig nicht ausreichend ausgebaut ist. Zwar sind die Verbindungen nach Steyr relativ gut, das Angebot zwischen den einzelnen Gemeinden lässt jedoch vielfach zu wünschen übrig. Das wird etwa dann zum Problem, wenn Jugendliche eine Lehre machen wollen, der Lehrbetrieb sich aber in einer Gemeinde befindet, die mit Öffis schwer oder gar nicht erreichbar ist. 

Jugendticket für alle Jugendliche

Ein weiteres Problem: Jene, die den Übergang von der Schule in den Beruf noch nicht geschafft haben und Unterstützungsangebote in Anspruch nehmen, in der sie auf die Berufswelt vorbereitet werden, haben im Gegensatz zu Schülern/-innen und Lehrlingen keinen Anspruch auf das Lehrlings- oder Jugendticket. Gegen einen kleinen Selbstbehalt hätten die Jugendlichen damit freie Fahrt zwischen Wohn- und Ausbildungsort. Mit der Aufzahlung zum Jugendticket könnten sie sich darüber hinaus günstig im gesamten Netz des Oberösterreichischen Verkehrsverbunds bewegen. Je nach Fördergeber und Angebot ist die finanzielle Unterstützung für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel unterschiedlich geregelt. 

Junge Menschen nicht ausgrenzen

„Jugendliche in Unterstützungsangeboten kommen überwiegend ohnehin schon aus mobilitätsarmen Familien. Sie dürfen nicht noch zusätzlich ausgegrenzt werden. Die Arbeiterkammer Oberösterreich fordert daher einen Zugang zum Lehrlings- beziehungsweise Jugendticket für alle, die sich in Unterstützungsprojekten befinden“, so AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer. Mit der Gleichstellung der Ticketpreise für Jugendliche in Unterstützungsangeboten mit jenen, die für Schüler/-innen und Lehrlinge gelten, würden sie von den selben Mobilitätsmöglichkeiten und somit einer besseren sozialen Teilhabe profitieren.

Andrea Fetz, Jugendcoachin für außerschulische Jugendliche der Sozialen Initiative, berichtete, dass die Kosten für Tickets für öffentliche Verkehrsmittel in einigen Unterstützungsangeboten im Nachhinein zurückerstattet werden. „Für Jugendliche aus einkommensschwachen Familien stellt die Vorfinanzierung aber eine finanzielle Belastung dar“, betonte sie.

Probleme beim Planen der Routen

Mobilitätsarmut steht auch in direktem Zusammenhang mit fehlender Übung und Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. So stellte sich beim Jugendnetzwerkdialog in Steyr auch heraus, dass Jugendliche wenig Information darüber haben, wie öffentliche Routen zu planen sind, weil sie bisher mit Fahrplänen kaum in Berührung gekommen sind. „Bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel spielen bei Jugendlichen oft soziale Ängste beziehungsweise Überforderung eine Rolle. Bei vielen leisten Eltern Chauffeurdienste, womit die Mobilität der Jugendlichen nicht gefördert wird“, meinte Bettina Nicole Lederhuber, Jugendcoachin in Pflichtschulen der Volkshilfe Arbeitswelt. 

Christian Windischbauer von der Regionalbetreuung des Oberösterreichischen Verkehrsverbunds (OÖVV) erklärte, dass die Planungen und Umsetzungen regionaler Verkehrskonzepte zehn Jahre betragen und in diesem Zeitraum nur geringe Änderungen möglich sind. Daher sei es für die Betriebe wichtig, sich bei der Gemeinde vor der Ansiedlung über die öffentliche Verkehrsanbindung zu informieren, um den Betriebsstandort für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut erreichbar zu machen.

Arbeitszeit an Fahrplan anpassen

Gleichzeitig gibt es erfreulicherweise einige Betriebe, die Verständnis für die Situation der Jugendlichen aufbringen und die Arbeitszeiten der Lehrlinge an den Busfahrplan anpassen. Daneben organisieren engagierte Mitarbeiter/-innen Fahrgemeinschaften, und in manchen Fällen holen Firmen ihre Mitarbeiter/-innen sogar per Shuttledienst ab. Vereinzelte Lehrbetriebe belohnen ihre Lehrlinge mit der Kostenübernahme des Führerscheins – meist aber nur dann, wenn der Lehrabschluss mit Auszeichnung bewältigt wird.

Druckfähiges Foto

Jugendnetzwerktagung Steyr © Barbara Bart, Arbeiterkammer Oberösterreich
Jugendnetzwerktagung Steyr © Barbara Bart, Arbeiterkammer Oberösterreich

Hannes Stockhammer, AK Kirchdorf; Andrea Fetz, Soziale Initiative; Nicole Lederhuber, Volkshilfe Arbeitswelt; Gerhard Klinger, AK Steyr

Nähere Informationen zu den Jugendnetzwerken finden Sie auf www.jugendnetzwerk-ooe.at.

"Jugendliche in Unterstützungs­angeboten kommen über­wiegend ohnehin schon aus mobilitäts­armen Familien. Sie dürfen nicht noch zusätzlich aus­gegrenzt werden." 

Dr. Johann Kalliauer

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