15.02.2021

Bilanz der AK Steyr im Krisenjahr 2020: Telefonische und E-Mail-Be­ratung deutlich gestiegen – 10,3 Millionen Euro erkämpft

Die Covid-19-Krise schlägt sich auch in der Bilanz der AK Steyr über das Jahr 2020 nieder: Die Sorgen, Ängste und Probleme der Beschäftigten im Bezirk führten zu einer Steigerung der telefonischen Beratungen um mehr als 70 Prozent. Die Beratungen per E-Mail haben sich fast verdreifacht. Insgesamt suchten 6.810 Arbeitnehmer/-innen Rat und Hilfe. „Dabei ging es in erster Linie um Unklarheiten bei der Entlohnung, Auflösung von Dienstverhältnissen, Pension, Pflegegeld und Endabrechnung. Corona-bedingt hatten wir sehr oft auch Fragen zu Kündigungen, Kurzarbeit, Sicherheits­vorkehrungen, Kinderbetreuung, Home-Office und Auslandsurlauben“, sagt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer. Erkämpft hat die AK in den Bezirken Steyr und Steyr-Land 2020 insgesamt 10,3 Millionen Euro.

Rekordzahlen auch für ganz Oberösterreich

Noch nie suchten so viele Menschen Rat und Hilfe bei den Servicestellen der AK Oberösterreich wie im Jahr 2020. „Die Zahl der Anfragen erreichte eine Rekordhöhe: Rund 375.000 Anfragen bearbeiteten die AK-Expertinnen und -Experten“, so der AK-Präsident.

119,7 Millionen Euro für die oberösterreichischen Beschäftigten erkämpft

Durch Lockdown und Corona-Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz waren persönliche Beratungen nur mehr eingeschränkt möglich. Ihr Anteil sank übers Jahr gerechnet um 28 Prozent auf rund 45.000. Das tat der Beratungs­qualität jedoch keinen Abbruch. Denn umso mehr wurden Telefon und Internet als Instrumente der Fragebeantwortung genutzt. So stieg die Zahl der Mail-Anfragen um 71 Prozent auf mehr als 50.000. Die meisten Anfragen erfolgten per Telefon. Fast 280.000 Mal griffen die AK-Mitglieder zum Hörer, um sich Rat zu holen. Das entspricht einem Anteil an den Gesamt­beratungen von 74,6 Prozent (+20 Prozent).

Trotz der Ausnahmesituation kam die „klassische“ Rechtsberatung nicht zu kurz. Insgesamt konnte die AK Oberösterreich 2020 für ihre Mitglieder 119,7 Millionen Euro erkämpfen. Geld, das den Betroffenen eigentlich zugestanden wäre, das sie aber erst mit Hilfe der Arbeiter­kammer bekommen haben: darunter vorenthaltene Löhne, unbezahlte Überstunden oder fehlende Kündigungsentschädigungen.

Der Großteil – rund 56,2 Millionen Euro – entfiel auf das Sozialrecht. Ein weiterer großer Anteil – nämlich 46,4 Millionen Euro – wurde in Insolvenzverfahren für die von Firmenpleiten betroffenen Beschäftigten erkämpft. Und in Arbeitsrechtsangelegenheiten holte die AK 13,8 Millionen Euro herein, rund 2 Millionen mehr als im Vorjahr. Der Rest des Gesamtbetrags entfällt auf Interventionen in Konsumentenschutzangelegenheiten und auf die Lohnsteuerberatung.

AK OÖ-Homepage stark nachgefragt

Der Auskunftsbedarf und die vorübergehende Einstellung der persönlichen Beratungen wirkten sich im Vorjahr auch auf die Nutzung der Website der AK Oberösterreich – ooe.arbeiterkammer.at – enorm aus. Sie legte bei den Seitenaufrufen und Besuchen stark zu. Die Web­site wurde um 50 Prozent mehr genutzt als im Jahr davor. Der größte Teil des Zuwachses lässt sich auf die spezifisch für Corona relevanten arbeitsrechtlichen Themen zurückführen. Der Online-Besuch des Bereichs „Arbeit & Recht“ verdreifachte sich nahezu von 521.000 auf 1.371.660 Seitenaufrufe (+165 Prozent).

Erfolge auf interessen­politischer Ebene

Die AK war im Jahr 2020 nicht nur auf persönlicher Ebene für die Mitglieder da, sondern auch auf interessenpolitischer Ebene. Durch Stellungnahmen, Gesetzesbegutachtungen und Forderungen konnten Verbesserungen für die Arbeitnehmer/-innen durchgesetzt werden. 2 Beispiele dafür sind der Einsatz zum Schutz von schwangeren Beschäftigten und für eine gesetzliche Regelung beim Home-Office.

Schutz für Schwangere: Die AK Oberösterreich hatte schon während des ersten Lockdowns im März ein präventives Beschäftigungsverbot für Schwangere während der Corona-Krise gefordert. Mit einer neuen Regelung sind nun viele schwangere Beschäftigte in der Pflege, in der mobilen Pflege, in Krankenhäusern, in Kinderbetreuungseinrichtungen und anderen Bereichen mit direktem Körperkontakt zu anderen Personen (Friseurinnen, Physiotherapeutinnen, Kosmetikerinnen, Masseurinnen) besser geschützt.

Wenn eine Änderung der Arbeitsbedingungen (kein Körperkontakt, Mindestabstand von 2 Metern) oder die Beschäftigung an einem anderen Arbeitsplatz (etwa Home-Office) nicht möglich ist, dann hat die Arbeitnehmerin einen Anspruch auf Freistellung unter Fortzahlung des bisherigen Entgelts. Wird die Freistellung in Anspruch genommen, haben Arbeitgeber einen Anspruch auf Ersatz des Entgelts.

Regelung für Home-Office: Die Arbeit im Home-Office hat durch die Corona-bedingten Lockdowns eine unglaubliche Dynamik erfahren. Nutzten vor Beginn der Pandemie nur rund 5 Prozent der Arbeitnehmer/-innen in Österreich Home-Office, arbeiteten laut einer IFES-Erhebung im April und im Oktober 2020 bereits rund 40 Prozent der Beschäftigten von zuhause aus. Nach mehrmonatigen Verhandlungen haben sich Sozialpartner und Bundesregierung Ende Jänner auf eine Home-Office-Regelung geeinigt.

Die Bemühungen der AK haben sich ausgezahlt, endlich gibt es klare Rahmen­bedingungen für die Arbeit zuhause. Zentraler Punkt ist die Freiwilligkeit. Niemand kann gezwungen werden, im Home-Office zu arbeiten. Die Nutzung von Home-Office muss in Zukunft schriftlich vereinbart werden.

Die neuen Regeln stellen klar, dass der Arbeitgeber Arbeitsmittel wie Laptop, Handy und auch WLAN bereitstellen oder einen Kostenersatz zahlen muss. Die Abschreibung von Kosten für Anschaffungen und die Steuerfreiheit für Zuschüsse vom Arbeitgeber sorgen dafür, dass Betroffene einen finanziellen Ausgleich bekommen. Zudem ist nunmehr das wichtige Thema Unfallversicherung geregelt. Das betrifft auch Wegunfälle vom Home-Office in die Arbeitsstätte, zu einem Arzttermin oder wenn man die Kinder in den Kindergarten bringt.

H.O.T.T. klärt Fragen zum Home-Office

Die AK Oberösterreich hat schon vor Wochen mit dem Home-Office-Test-Tool H.O.T.T. ein interaktives Serviceangebot für die Beschäftigten gestartet. Dieses beantwortet sämtliche Details zur Home-Office-Thematik, beinhaltet 10 Fragen und liefert eine individuelle Auswertung zur persönlichen Arbeitsplatzgestaltung sowie zu organisatorischen und rechtlichen Aspekten. Weitere Infos und eine Home-Office-Mustervereinbarung werden per E-Mail zugesandt. 

Telefone liefen auch in der AK Steyr heiß

Die weltweite Krise forderte die Arbeitnehmer/-innen auch in den Bezirken Steyr und Steyr-Land so stark wie noch nie: Zu den traditionell häufigen Anfragen rund um die Beendigung von Arbeitsverhältnissen, zum Entgelt und zu Invaliditäts- und Berufsunfähigkeitspension kamen neue Themen hinzu. Rekordarbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Ängste vor Jobverlust, Probleme bei der Organisation der Kinderbetreuung und finanzielle Sorgen ließen viele Beschäftigte verzweifeln – und die Telefone der Bezirksstelle heiß laufen.

Die Anfrageflut konnte trotz der schwierigen Umstände hervorragend bewältigt werden: „Wir waren mit dem Lockdown im März quasi über Nacht im Home-Office. Dank der Flexibilität und des hohen Engagements unserer Kolleginnen und Kollegen konnten wir unseren Mitgliedern trotz Pandemie und geschlossener Bezirksstelle mit Rat und Hilfe zur Seite stehen“, berichtet der Bezirksstellenleiter der AK Steyr, Mag. Gerhard Klinger, MBL. „Auch in unserer Region war praktisch eine Ausnahmesituation. Home-Office, geschlossene Schulen und Kindergärten, Quarantäne-Regelungen und Kurzarbeit für tausende Beschäftigte in vielen Betrieben in Steyr und Steyr-Land. Dazu die vielen Tourismus­betriebe, die ebenfalls schwer getroffen wurden. Die Menschen brauchten uns mehr denn je.“

6.810 Beratungen – E-Mail-Anfragen fast verdreifacht

Der Großteil der Ratsuchenden nahm eine telefonische Beratung in Anspruch. 4.416 Mal klingelte das Telefon bei den Steyrer Rechtsexperten/-innen. Das ist ein Anstieg um gut 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sprunghaft, auf fast das Dreifache, stiegen die E-Mail-Anfragen – von 248 im Jahr davor auf 616 im Jahr 2020. Die persönlichen Beratungen hingegen gingen um fast 30 Prozent auf insgesamt 1.778 zurück. 36 davon waren persönliche Bildungsberatungen durch die AK-Bildungsexperten/-innen.

Durch außergerichtliche Interventionen haben die Steyrer AK-Experten/-innen im letzten Jahr 168.486 Euro hereingebracht. Durch Rechtsvertretung vor dem Arbeitsgericht mussten 333.783 Euro erkämpft werden. Insgesamt hat die AK Steyr 220 Fälle zu Arbeitsrechtsfragen gerichtlich oder außergerichtlich abgeschlossen. Im Fall mit dem größten Streitwert erreichte die Arbeiterkammer eine Nachzahlung von 70.350 Euro. Aber auch bei kleinen Summen kämpft die AK konsequent um die berechtigten Ansprüche ihrer Mitglieder. In einem Fall musste die AK wegen offener 70,40 Euro vor Gericht gehen. Mit Erfolg.

In Sozialrechtsangelegenheiten (Pensionen, Renten, Pflegegeld) erstritt die AK Steyr im vergangenen Jahr in 149 Fällen insgesamt 6,391.128 Euro. Zusätzlich wurden 2020 für Arbeitnehmer/-innen aus insolventen Betrieben 3,416.664 Euro durchgesetzt. In Summe erreichte die AK Steyr im Vorjahr an arbeits- und sozialrechtlichen Ansprüchen sowie an Forderungen nach Insolvenzen für ihre Mitglieder Zahlungen von insgesamt 10,310.061 Euro.

Ein Fall aus dem Arbeitsrecht

 Junge zahnärztliche Assistentin

Eine minderjährige zahnärztliche Assistentin, die noch in Ausbildung war, wandte sich um Hilfe an die AK Steyr. Ihr Arbeitgeber, ein Zahnarzt aus der Region, war ihr gegenüber schon mehrmals „ausgerastet“: Es gab immer wieder verbale Attacken in der Ordination. Ihr Chef sei aufbrausend gewesen und habe sich nicht unter Kontrolle gehabt, berichtete die junge Frau. Es seien auch immer wieder Gegenstände durch die Räume geflogen.

Eines Tages eskalierte die Situation völlig – der Arbeitgeber packte die Frau an den Haaren und zwang sie brutal zu Boden, wo sie mit dem Kopf aufschlug. Sie flüchtete daraufhin aus der Ordination und verständigte die Polizei. Im Krankenhaus wurde eine Prellung am Kopf festgestellt. Die Frau ging in Krankenstand. Ihr Arbeitsverhältnis bei ihrem rabiaten Chef wollte sie beenden.

Die Rechtsexperten/-innen der AK Steyr nahmen sich des Falls an und forderten in einem Schreiben vom Arbeitgeber alle offenen Geldansprüche - insbesondere Kündigungsentschädigung - aufgrund des sogenannten vorzeitigen berechtigten Austritts wegen eines tätlichen Angriffs ein. Offen waren auch noch das Gehalt für den letzten Monat, die Beendigungsansprüche sowie Sonderzahlungen, Geld für nicht konsumierten Urlaub und Überstunden.

Die einzige Reaktion auf dieses Forderungsschreiben war ein Schreiben seines Anwalts mit dem Ersuchen, die Ergebnisse der polizeilichen Erhebung abzuwarten. Daraufhin brachte die AK umgehend Klage ein beim Arbeitsgericht und forderte auch gleich Schmerzensgeld aufgrund der Körperverletzung. Es kam zur Verhandlung mit mehreren Gerichtsterminen. Der Arbeitgeber bestritt die Körperverletzung und wollte sogar ein gerichtliches Sachverständigen-Gutachten. In der Zwischenzeit war beim Bezirksgericht auch bereits ein Strafverfahren gegen den Mann eingeleitet worden wegen fahrlässiger Körperverletzung. Schließlich lenkte der Zahnarzt ein, bezahlte alle offenen Geldansprüche und stimmte punkto Schmerzensgeld einem Vergleich zu. Die junge Frau bekam 2.000 Euro Nachzahlung.

Und ein Fall aus dem Sozialrecht 

AK Steyr verhalf Mann zu Schwerarbeitspension

Ein 59-jähriger Polier aus dem Bezirk Steyr-Land wollte seinen Pensionsstichtag wissen und ließ sich von der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) die möglichen Stichtage zuschicken. Er war jahrzehntelang zuerst als Arbeiter und dann als Angestellter im Baugewerbe tätig. Bei der letzten Baufirma arbeitete er fast 20 Jahre als Polier und wurde deswegen als Angestellter angemeldet. Die PVA kam zu dem Schluss, dass die langjährige Tätigkeit als Polier nicht in die Schwerarbeiterregelung fallen würde und erließ einen entsprechenden negativen Feststellungsbescheid.

Der Mann kam zur Arbeiterkammer. Den zuständigen Rechtsexperten/-innen fiel auf, dass er nicht nur als Polier arbeitete, sondern auch als Baufacharbeiter und Baggerfahrer selbst Hand anlegte. Die AK brachte gegen den Bescheid Klage beim Sozialgericht ein. Die Begründung: Er wäre zwar als Angestellter gemeldet, hätte aber jahrelang händische Arbeit gemacht: Künetten geschaufelt, Rohre und Leitungen verlegt, diverse Baufacharbeitertätigkeiten verrichtet und als Baggerfahrer gearbeitet. Eingesetzt war der Mann im Straßenbau und Wasserleitungsbau. Das Sozialgericht erkannte in seinem Urteil nur jene Monate als Schwerarbeitszeiten an, die durchgearbeitet wurden. Rumpfmonate wurden nicht anerkannt.

Die Arbeiterkammer brachte dagegen Berufung ein. Das Oberlandesgericht gab der AK recht und erkannte sämtliche eingeklagten Monate als Schwerarbeitszeiten an. Denn: Es kommt auf die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit an und nicht auf die Meldung als Arbeiter oder Angestellter. Der Beschäftigte wird dank AK-Unterstützung also mit seinem 60. Geburtstag die Schwerarbeitspension antreten können.

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AK-Bezirksstellenleiter Gerhard Klinger © Erwin Wimmer, Arbeiterkammer Oberösterreich
AK-Bezirksstellenleiter Gerhard Klinger © Erwin Wimmer, Arbeiterkammer Oberösterreich

AK-Bezirksstellenleiter

Mag. Gerhard Klinger, MBL

Dr. Johann Kalliauer © F. Stöllinger, Arbeiterkammer Oberösterreich
Dr. Johann Kalliauer © F. Stöllinger, Arbeiterkammer Oberösterreich

AK-Präsident

Dr. Johann Kalliauer 

AK-Bezirksstelle Steyr © -, Arbeiterkammer Oberösterreich
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