09.10.2019

Leistungs­bilanz der Beschäftigten aus dem Bezirk Freistadt: Viele Pendler, zu niedriges  Ein­kommen

Egal ob auf der Baustelle, im Forschungslabor, im Kindergarten, an der Supermarktkassa oder im Lohnbüro. Und darüber hinaus beim Roten Kreuz und bei der Feuerwehr – überall dort arbeiten die wahren Leistungsträger/-innen, nämlich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Ohne sie stünde im Bezirk Freistadt und im gesamten Bundesland alles still. Die Arbeiterkammer Oberösterreich holt daher ihre Leistungen vor den Vorhang – mit der neuesten Leistungsbilanz der Beschäftigten aus dem Bezirk Freistadt.

Freistädter Wirtschaft ist stabiler als andere

Im Jahresdurchschnitt 2018 waren im Bezirk Freistadt 27.336 Menschen unselbständig beschäftigt – um 1,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor und um 7,8 Prozent mehr als vor 10 Jahren. Aufgrund des breiten Branchenspektrums – von der Lebensmittelproduktion über das Bauwesen, die klassische Sachgüterproduktion, die Informationstechnologie bis hin zum Dienstleistungssektor mit Handel, Gesundheit- oder Pflegebereich und Tourismus – ist die Freistädter Wirtschaftsstruktur weniger krisenanfällig.

Infra­struktur aus­gebaut, Wirtschaft ge­stärkt

Mit ein Grund für den Beschäftigungszuwachs war der Ausbau der Infrastruktur in den vergangenen Jahren. Der Softwarepark Hagenberg etwa bietet heute hunderte Arbeitsplätze vor Ort für kreative und innovative Beschäftigte in den Bereichen Forschung und Entwicklung.

Durch die Fertigstellung der S10 wurde die Verkehrsanbindung deutlich verbessert. Dadurch hat der Bezirk für Unternehmen an Attraktivität gewonnen. Das bezeugen unter anderem die Betriebsansiedelungen von Greiner Bio One und Kreisel Electric in Rainbach.

Diese neuen Jobs wurden zum Teil mit Arbeitskräften aus der Region besetzt, zum Teil wurden auch gut ausgebildete und lernwillige junge Menschen in die Region gelockt.

Die Erwerbsquote liegt im Bezirk Freistadt mit 76,1 Prozent etwas unter dem Landesdurchschnitt. Das heißt, dass knapp drei Viertel aller Frauen und beinahe 4 von 5 Männern aus dem Bezirk Freistadt erwerbstätig sind. Deutlich mehr als ein Drittel aller Beschäftigten hat einen Teilzeitjob – fast 64 Prozent der Frauen und rund 16 Prozent der Männer. Das sind jeweils die zweithöchsten Teilzeitquoten aller oberösterreichischen Bezirke.

Gesundheits­berufe weiblich, Bau und Produktion männlich

Knapp die Hälfte der Beschäftigten ist in Kleinstbetrieben mit weniger als 10 Mitarbeitern/-innen tätig. In Großbetrieben mit mehr als 100 Beschäftigten arbeitet nur etwa ein Zehntel der in Freistadt berufstätigen Arbeitnehmer/-innen. Die größten Firmen im Bezirk sind:

  • der Sozialhilfeverband Freistadt,
  • das Landeskrankenhaus Freistadt,      
  • Wimberger Bau in Lasberg,
  • die Honeder Naturbackstube in Weitersfelden,
  • das Kurhotel Bad Zell und
  • die Firma Dorninger Hytronics in Unterweitersdorf. 

Den höchsten Frauenanteil gibt es es mit 83 Prozent im Gesundheits- und So-zialwesen. Von den Beschäftigten am Bau sind 85 Prozent Männer. Die größ-ten Branchen sind (neben der Land- und Forstwirtschaft) der Handel und die Herstellung von Waren.

Arbeits­lose suchen intensiv nach Jobs

Im vergangenen Jahr waren im Bezirk Freistadt durchschnittlich 1.066 Personen arbeitslos, 349 befanden sich in Schulungsmaßnahmen des Arbeitsmarktservice und 16 Jugendliche suchten eine Lehrstelle.
Die registrierte Arbeitslosigkeit lag bei 3,8 Prozent und damit deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 5 Prozent. Zwei Drittel der Arbeitsuchenden aus dem Bezirk Freistadt haben innerhalb von 3 Monaten eine neue Beschäftigung gefunden.

Viele Freistädter müssen weit zur Arbeit fahren

Mehr als 82 Prozent der unselbständig Beschäftigten aus dem Bezirk Freistadt müssen aus ihrer Heimatgemeinde auspendeln, um zur Arbeit zu gelangen – Tendenz weiter steigend. Der Anteil der Bezirksauspendler/-innen – insbesondere nach Linz, Linz-Land und Perg – liegt bei rund 58 Prozent. Das ist der sechsthöchste Anteil aller oberösterreichischen Bezirke.



Viele Beschäftigte aus dem Bezirk Freistadt legen weite Wegstrecken zurück, um in die Arbeit und wieder nach Hause zu kommen. 57,5 Prozent der Be-schäftigten aus dem Bezirk pendeln jeden Tag mehr als 40 Kilometer und knapp 16 Prozent fahren sogar mehr als 100 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz und zurück nach Hause. Für sie kostet die berufliche Mobilität viel Geld und wertvolle Zeit.

Freistädter Beschäftigte produktiv

Im Jahr 2018 ist es der Arbeiterkammer gelungen, die veröffentlichten Jahresabschlüsse beinahe aller oberösterreichischen Mittel- und Großbetriebe (mit Ausnahme von Banken, Versicherungen und Non-Profit-Unternehmen) mit mehr als 49 Beschäftigten zu analysieren. Im Bezirk Freistadt sind das 14 Unternehmen mit rund 1.600 Beschäftigten.

 
Was sie im Bilanzjahr 2017 vollbracht haben, kann sich sehen lassen: Die Pro-Kopf-Wertschöpfung (also jener Betrag, der pro Kopf erwirtschaftet wird) lag bei mehr als 79.000 Euro. Zieht man davon die durchschnittlichen Personal-kosten ab, bleiben den Unternehmen jährlich immer noch rund 26.000 Euro pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter.

Beschäftigte sind erfinderisch

Aber die Beschäftigten sind nicht nur produktiv, sondern auch innovativ und erfinderisch. Sei es direkt bei der Arbeit, wo viele Beschäftigte mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen aus dem täglichen Arbeitsprozess neue Ideen entwickeln, sei es im Hochschulsektor oder in den Forschungsabteilungen der Betriebe.

Im vergangenen Jahr wurden beim Österreichischen Patentamt rund 2.400 Erfindungen aus ganz Österreich angemeldet, weltweit sogar mehr als 11.000 aus Österreich stammende Patente. Im Bundesländervergleich liegt Oberösterreich hier traditionell auf Platz 1. Im Bezirk Freistadt wurden im Vorjahr 16 Erfindungen angemeldet.

Es sind aber nicht nur diese Spitzenleistungen, die unsere Arbeitnehmer/-innen zu den wahren Leistungsträgern der Gesellschaft machen. Es ist auch ihr täglicher Arbeitseinsatz, ihre Bereitschaft zur Mehrleistung, wenn es der Arbeitsaufwand erfordert, ihre Bereitschaft zur (beruflichen) Weiterbildung, ihr ehrenamtliches Engagement, ihr familiärer Einsatz in der Kinderbetreuung und Altenpflege.

Nur 2 Zahlen dazu: Mehr als eine Milliarde beruflicher Arbeitsstunden werden laut Statistik Austria jährlich in Oberösterreich geleistet, davon sind knapp 39 Millionen Überstunden oder Mehrarbeitsstunden – diese Daten können allerdings nicht nach Bezirken aufgeschlüsselt werden.

Einkommen im Bezirk Freistadt niedrig

Der wirtschaftliche Aufschwung ist auf den Gehaltskonten der Beschäftigten bislang nicht zu verspüren. Denn viele Arbeitnehmer/-innen bekommen für ihre herausragenden Leistungen nach wie vor keine gerechte Gegenleistung ausbezahlt.

Freistadt ist und bleibt im Bezirksvergleich Schlusslicht bei den Einkommen. Vor allem Frauen aus dem Bezirk Freistadt, und hier insbesondere Arbeiterinnen, müssen (unter anderem aufgrund von Teilzeitbeschäftigung) mit niedrigen Einkommen auskommen.


Am besten steigen die männlichen Angestellten mit mittleren Bruttogehältern von 3.156 Euro aus. Quer über alle Beschäftigungsformen, Branchen und Berufe hinweg bekommen die Beschäftigten im Bezirk Freistadt mittlere Bruttoeinkommen von 1.948 Euro monatlich – um 17,1 Prozent oder mehr als 400 Euro weniger als im Oberösterreich-Median.

Beschäftigte größte Steuer­zahler

Die oberösterreichischen Beschäftigten sind nicht nur an ihren Arbeitsplätzen die wichtigsten Leistungsträger/-innen – sie finanzieren auch zum größten Teil den Staat und das Gemeinwesen. Fast 7 Milliarden Euro haben sie im Jahr 2017 an Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen geleistet.
Berücksichtigt man auch die Konsumsteuern, tragen die Beschäftigten in unserem Bundesland wesentlich mehr zur Finanzierung der staatlichen Leistungen bei, als die Gewinnsteuern aller Unternehmen in ganz Österreich ausmachen.

Die etwas mehr als 33.000 im Bezirk Freistadt wohnenden Beschäftigten (einschließlich der öffentlich Bediensteten und Beamten/-innen) haben im Jahr 2017 insgesamt knapp 300 Millionen Euro Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge (die sogenannten Arbeitnehmerbeiträge) gezahlt. Das sind rund 9.000 Euro pro Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer.

Fazit und Forderungen

Die Beschäftigten aus dem Bezirk Freistadt sind die mit Abstand wichtigsten Leistungsträger/-innen im Bezirk. Dafür haben sie es verdient, anständig behandelt zu werden. Aber die Realität spricht oft eine andere Sprache: Arbeitsrechtsverstöße, Kündigungen im Krankenstand, unbezahlte Überstunden, Arbeiten auf Abruf, um nur einige Respektlosigkeiten zu nennen.
Wo immer es geht, verhilft die Arbeiterkammer ihren Mitgliedern zu mehr Gerechtigkeit.

Den mobilen, flexiblen, produktiven, innovativen und fleißigen Beschäftigten haben es die Unternehmen zu verdanken, dass sie gut verdienen. Österreichweit ist die Produktivität in den vergangenen 20 Jahren doppelt so stark gestiegen wie die von den Unternehmen bezahlten Arbeitskosten. Das heißt: Die Früchte der Arbeit sind sehr ungleich verteilt, weil die Eigentümer/-innen der Unternehmen überproportional von den Leistungen der Beschäftigten profitieren.

Neo­liberale Attacken auf Gesell­schaft  

Angriffe auf den Sozialstaat, wie sie in regelmäßigen Abständen von neoliberalen Unternehmensvertretern/-innen und konservativen Politikern/-innen vorgetragen werden, sind nicht akzeptabel. Denn die Beschäftigten zahlen sich mit ihrer Steuerleistung die Absicherung bei Krankheit, Arbeitslosigkeit oder in der Pension ohnehin selbst. Sie zahlen auch die Kindergärten, die Pflegeheime, die staatlichen Museen – alles Einrichtungen, die nicht nur von den Beschäftigten genutzt, aber vorwiegend von ihnen finanziert werden.

Die AK fordert daher:

  • kräftige Lohn- und Gehaltserhöhungen auf Basis der hohen Produktivität sowie eine Anhebung der KV-Löhne und Gehälter auf mindestens 1.700 Euro,

  • die Rücknahme der gesetzlichen Arbeitszeitverlängerung, die Kürzung der Normalarbeitszeit auf 35 Stunden, ein Recht auf die 4-Tage-Woche und die sechste Urlaubswoche nach 25 Arbeitsjahren für alle. Unternehmen sollen für jede Überstunde im Betrieb einen Euro Überstundenabgabe zahlen;

  • die Senkung der Lohnsteuer, einen steuerlichen Wohnbonus und eine Millionärssteuer,

  • sowie die Umwandlung der Pendlerpauschale in eine kilometerabhängige Direktzahlung.     

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