14.06.2019

Private Unfallversicherungen im AK-Test

Die AK Oberösterreich hat Angebote von 10 privaten Unfallversicherungen bei vorgegebener Mindestdeckung unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Prämienunterschiede zum doppelten Preis und stark abweichende Leistungen. Konsumenten/-innen sollten daher vor Abschluss einer Versicherung jedenfalls mehrere Angebote einholen und in der Versicherungsberatung darauf achten, dass die eigenen Bedürfnisse bestmöglich berücksichtigt werden.  

Preisvergleich: Unfallversicherung für Büroangestellte/n (0,3 MB)

So haben wir ver­glichen

Als Mindestdeckung für die Angebote haben wir folgende Leistungen vorgegeben:
 
Eine Kapitalleistung für dauernde Invalidität mit einer Versicherungssumme von 100.000 Euro, einer Leistung ab 1 Prozent Invalidität und einer maximalen Leistung von 500.000 Euro durch einen Progressionstarif von 500 Prozent der Versicherungssumme.

Eine monatliche Rente von 700 Euro bei schwerer Invalidität, sowie eine Deckung für Unfallkosten samt Hubschrauberbergung und  eine Deckung für Unfalltod mit einer Versicherungssumme von 10.000 Euro 

Prämien doppelt so teu­er

Die Jahresprämien lagen für eine/n Büroangestellte/n zwischen 190,80 und 385,56 Euro beziehungsweise für einen eine/n Bauarbeiter/in zwischen 282,12 und 568,96 Euro. Die Prämien müssen für Frauen und Männer gleich sein.

IST EINE PRIVATE UNFALLVERSICHERUNG SINNVOLL?

Eine private Unfallversicherung stellt eindeutig einen sinnvollen Schutz dar, insbesondere zur Abdeckung der finanziellen Folgen einer - nach einem Unfall verbleibenden - dauernden Invalidität. Denn Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung gibt es nur bei Arbeitsunfällen. Rund zwei Drittel der Unfälle mit Invaliditätsfolgen ereignen sich aber in der Freizeit (Bereiche Heim, Freizeit und Sport). In der Praxis ist eine gute persönliche Beratung durch eine/n Versicherungsexperten/-in unerlässlich, um eine auf die persönlichen und familiären Verhältnisse und die finanzielle Situation optimal abgestimmte Versicherung zu finden.

ACHTUNG

Wenn Sie gefährliche Freizeitaktivitäten oder Sportarten betreiben beziehungsweise an Wettkämpfen teilnehmen, sollten Sie unbedingt klären, ob damit in Zusammenhang stehende Unfälle auch mitversichert sind. Hier gibt es viele Leistungsausschlüsse. Eine Mitversicherung gegen Aufpreis ist aber meist möglich.

Leistung bei Invalidi­tät

Hauptleistung der privaten Unfallversicherung ist die Absicherung einer aufgrund eines Unfalls verbliebenen dauernden Invalidität. Damit können etwa die Kosten eines erforderlichen Hausumbaus,  wie etwa ein Lifteinbau, finanziert werden.

Hier zeigen sich besonders große Unterschiede. So beträgt zum Beispiel die Kapitalleistung bei einer Versicherungssumme von 100.000 Euro im Vergleich einer/s Büroangestellten für

  • einen Kreuzbandriss zwischen 5.250 und 8.000 Euro

  • den Verlust des Gehörs eines Ohres zwischen 15.000 und 200.000 Euro

  • den Verlust eines Beines zwischen 155.000 und 400.000 Euro

Grund dafür sind die Unterschiede in den Gliedertaxen, den Progressionen und den Abzügen für mitwirkende Vorerkrankungen. 

ACHTUNG AUF DIE FRISTEN

Eine verbleibende Invalidität muss bei der Versicherung rechtzeitig geltend gemacht werden - sonst droht der Verlust der Leistung! Die Fristen dafür betragen zum Teil nur 12 oder 15 Monate - gerechnet ab dem Unfalltag. Unabhängig davon besteht die Verpflichtung, den Unfall unverzüglich bei der Versicherung zu melden.

 Was ist eine Glieder­taxe?

In der Unfallversicherung wird der Invaliditätsgrad nach einem Unfall meist nach der Gliedertaxe berechnet. In dieser werden für den Verlust von Gliedmaßen, Organen oder Sinnen Prozentsätze festgelegt, die dann für die Berechnung der Funktionseinschränkung als Basis herangezogen werden. Viele Versicherungen orientieren sich dabei an den Musterbedingungen des Versicherungsverbandes. Im Vergleich gab es keinen Anbieter, dessen Prozentsatz darunter liegt.  Einige Werte liegen sogar deutlich darüber.   

So beträgt der Prozentsatz der Invalidität im Vergleich etwa für die/den Büroangestellte/n bei

  • Verlust eines Beines oder eines Armes 70 oder 80 Prozent (Verband 70 Prozent)

  • Verlust des Gehörs auf einem Ohr zwischen 15 und 70 Prozent (Verband 15 Prozent)

  • Verlust der Sehkraft eines Auges zwischen 40 und 70 Prozent (Verband 35 Prozent)

Manche Versicherer bieten auch erhöhte Gliedertaxen an, manche Versicherungen sogar speziell auf bestimmte Berufsgruppen zugeschnittene Gliedertaxen (unter anderem für Handwerker, Gesundheitsberufe, Musiker oder Ärzte).
Die Auswahl der Gliedertaxe beeinflusst sehr maßgeblich die Kapitalleistung für dauernde Invalidität. Entsprechend wichtig ist eine persönliche Beratung durch einen Versicherungsprofi! 

Bei den aktuell üblichen Progressionstarifen steigt die Leistung ab einem gewissen Prozentsatz besonders stark an. Dieser Anstieg beginnt im Vergleich meist bei 26 Prozent Invalidität, bei je einem Anbieter bei 20, 23 oder 50 Prozent. Wie rasch die Leistungen dann weiter ansteigen, ist auch sehr unterschiedlich geregelt.

UNSER TIPP

Zur Vermeidung von Unklarheiten über die Höhe der Invaliditätsleistung, sollten Sie schon vor Vertragsabschluss eine Progressionstabelle verlangen, aus der sich für jeden Invaliditätsgrad die konkrete Leistung ergibt.

Leistungsabzug wegen Krank­heit

Lagen vor einem Unfall bereits krankheitsbedingte Abnützungen (mitwirkende Vorerkrankung) vor, die das Ausmaß der Invalidität beeinflusst haben und die über die altersgemäße Abnützung hinausgehen, führt dies zu einem Leistungsabzug.

Dieser Abzug spielt gerade in der Praxis eine große Rolle. Viele Versicherungen berücksichtigen Vorerkrankungen ab einer Mitwirkung von 25 Prozent. Es gibt aber auch Versicherungen, die schon ab 1 oder erst ab 50 Prozent Mitwirkung abziehen. Je höher die Prozentzahl, umso besser. 

Monatliche Rente bei schwer­er Invalidität

Große Unterschiede gibt es auch bei Rentenzahlungen. So wird eine Rentenzahlung zumeist ab einer unfallbedingten Invalidität von 35 oder 50 Prozent vereinbart. Im Vergleich leisten fast alle Anbieter die monatliche Rente von 700 Euro ab einer Invalidität von 50 Prozent (einer bereits ab 40 Prozent). Manche Anbieter zahlen eine halbe Rente ab 35 Prozent Invalidität, ein Anbieter verdoppelt die Rente ab 50 Prozent Invalidität. 

Die Auszahlung der Rente kann lebenslang oder für einen fixen Zeitraum - wie etwa 20 oder 30 Jahre - vereinbart werden. Einige Versicherungen bieten aber auch eine „garantierte“ Rente für einen bestimmten Zeitraum an. In diesem Fall wird die Rente bei Ableben des/r Rentenbeziehers/-in so lange an die Erben oder Begünstigten bezahlt, bis der Garantiezeitraum abgelaufen ist. Bei manchen Versicherern wird die Rente während des Bezugs jährlich um 1,5 oder 2 Prozent erhöht. 

Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades, kann es ebenfalls zu einem Abzug von bereits bestehenden Krankheiten kommen. Der Prozentsatz, ab dem eine mitwirkende Vorerkrankung abgezogen wird, muss dabei nicht mit dem bei der Kapitalleistung für dauernde Invalidität übereinstimmen. Auch hier gilt, je höher der Prozentsatz umso besser. 

Was gilt als "Un­fall"?

Ein Unfall liegt laut Versicherungsbedingungen vor, wenn die versicherte Person durch ein plötzlich von außen auf den Körper wirkendes Ereignis unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung erleidet.

Manche Versicherungen haben diesen allgemeinen Unfallbegriff um andere Ereignisse erweitert, teilweise mit Einschränkungen. Beispiele dafür sind:

  • Riss von Muskeln, Sehnen, Bändern sowie Meniskusverletzungen: Manche Versicherungen leisten hier aber nur, wenn der Riss aufgrund einer Abweichung vom geplanten Bewegungsablauf oder durch eine erhöhte Kraftanstrengung erfolgt.

  • Unfälle aufgrund von Bewusstseinsstörungen: Hier leisten manche Versicherungen gar nicht. Andere beschränken die Leistung der Höhe nach oder leisten nur unter gewissen Bedingungen (etwa nur bei nicht krankheitsbedingten Bewusstseinsstörungen).

  • Herzinfarkt oder Schlaganfall als Unfallursache sind bei allen Versicherungen im Vergleich gedeckt.

  • Vergiftungen zum Beispiel durch die Einnahme giftiger oder ätzender Stoffe oder das Einatmen von Gasen und Dämpfen: Ausgenommen sind zumeist allmähliche Schädigungen, wobei hier manche Versicherer den Zeitraum von mehreren Stunden, andere wiederum den Zeitraum von 7 Tagen noch nicht als allmählich ansehen.

  • Herzinfarkt als Unfallfolge wird von manchen
    Versicherungen gedeckt, wenn es durch den Unfall zu einer direkten Einwirkung auf den Brustkorb gekommen ist.

  • FSME oder Borreliose durch Zeckenbiss ist bei den meisten Versicherungen gedeckt, allerdings oftmals der Höhe nach begrenzt und auf die Leistungen für dauernde Invalidität oder Unfalltod beschränkt.

  • Allergische Reaktion nach  Bienen- oder Wespenstich: Manche Versicherungen sehen hier eine - zum Teil begrenzte - Deckung vor. 

Berge- und Unfall­kost­en

Hubschrauberbergekosten etwa nach einem Ski- oder Bergunfall können einige Tausend Euro ausmachen. Im Vergleich waren diese Kosten bei allen Versicherungen mitversichert, häufig mit 10.000 oder 15.000 Euro.  

Heil- und Zahnbehandlungen so­wie kosmetische Operat­ionen

Auch unfallbedingte Heil- und Zahnbehandlungskosten, sowie die Kosten einer kosmetischen Operation sind oft mitversichert. Zahnbehandlungskosten allerdings meist nur bei erstmaligen Zahnersatz.  

Zusätzlich angebotene Leist­ungen

Je nach Versicherer und Produkt gibt es unterschiedlichste Zusatzleistungen, wie ( Auszug):  

Prämienerlass im Krankheitsfall oder bei Arbeitslosigkeit, Mitversicherung von Neugeborenen für einen gewissen Zeitraum (wie etwa in ersten 6 Monaten), Assistancepaket (Versorgung im Haushalt, Pflege, diverse Beratungen, Dolmetsch im Ausland), Nottransport aus dem Ausland, Schmerzensgeld, Sonderleistung bei Knochenbrüchen oder bei ästhetischer Verunstaltung, Rehabilitationspauschale, Pflegekosten, Kurkosten, Spitalsbegleitkosten für Kinder, Fixkostenersatz bei längerem Spitalsaufenthalt 

Pflichten des Versichert­en

Damit die Versicherung bei einem Unfall auch leisten muss, sind gewisse Pflichten des Versicherungsnehmers/der Versicherungsnehmerin (= Obliegenheiten) einzuhalten. So ist beispielsweise  dem Versicherer eine Veränderung des im Antrag angegebenen Berufs oder die Aufnahme besonders gefährlicher Freizeitaktivitäten mitzuteilen. 

Altersdiskiminier­ung

Leider enthalten viele Verträge nachteilige Regelungen zulasten älterer Versicherungsnehmer/-innen:

Manche Versicherer leisten nach dem 75. Lebensjahr anstelle der vereinbarten Kapitalleistung nur mehr eine Rente. Häufig ist ab dem 70. Lebensjahr eine Umstellung auf eine Senioren/-innenversicherung mit einem Prämienaufschlag oder einer Reduktion der Versicherungssummen um 20 bis 50 Prozent vorgesehen.

Es kann aber auch zum Entfall der Progression, des Leistungsbausteins Unfallrente oder der Deckung für Unfälle durch Herzinfarkt- oder Schlaganfall kommen. Eine Versicherung im Vergleich endet sogar automatisch mit dem 80. Lebensjahr.

Derartige Regelung führten unter Umständen im Falle einer Konsumentin dazu, dass sie nach einem Unfall statt einer Kapitalzahlung von 7.664 Euro, den sie für den Einbau eines Treppenliftes benötigt hätte, nur eine monatliche Rente von 41 Euro bekam. 

Kündigung des Versicher­ers im Schadens­fall

Die Laufzeiten der Verträge liegen meist bei 10 Jahren, teilweise auch bei 3, 5 oder 9 Jahren. Alle Verträge sehen ein für Konsumenten/-innen nachteiliges Kündigungsrecht des Versicherers im Schadensfall vor. Manche Versicherungen räumen sich sogar das Recht ein, den Vertrag nach 3 Jahren vorzeitig zu beenden. 

AK strengt Musterklage an

Unter anderem zu den letzten beiden Punkten (Altersdiskriminierung und Kündigungsrechte der Versicherung) hat die Arbeiterkammer Oberösterreich eine Musterklage gegen eine private Unfallversicherung veranlasst. Mit dem Urteil erster Instanz ist in den nächsten Wochen zu rechnen. 

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