27.04.2020

Gemeinsames Statement von Arbeiterkammer und Kirche zum Tag der Arbeitslosen am 30.April

AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer und Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer und wenden sich zum bevorstehenden Tag der Arbeitslosen am 30. April gemeinsam an die Medien. Heuer wegen Corona mit einer Presseaussendung anstatt der jährlich zu diesem Anlass stattfindenden Pressekonferenz.

Zeit für eine neue Solidarität

Aufgrund der Restriktionen der Bundesregierung zur Eindämmung des Corona-Virus explodierte die Zahl der Arbeitslosen im März um 200.000 Personen. Alleine in Oberösterreich standen zusätzlich 24.000 Menschen plötzlich ohne Arbeitsplatz da. „Die Situation ist dramatisch und wird sich in den nächsten Monaten noch weiter zuspitzen. Wir brauchen dringend eine bessere existenzielle Absicherung der Menschen, die ihren Job verloren haben und Sondermaßnahmen für die besonders stark betroffene Gruppe der jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sonst droht erneut eine verlorene Generation!“, erklärt AK Präsident Dr. Johann Kalliauer.

Solidarität ist Basis für Gesell­schaft

In dieser Krise erweist sich ein Wert, der seit Jahrzehnten zurückgedrängt wird, erneut als unverzichtbare Säule unserer Gesellschaft: nämlich die Solidarität, auch als Grundprinzip sozialstaatlichen Handelns. Genau vor 100 Jahren wurde der Sozialstaat geschaffen der die Verantwortung für das existenzielle Wohlergehen der Menschen auf die Solidargemeinschaft übertragen und somit die Einzelnen gegen die großen Lebensrisiken versichert hat. Die Vorteile des Sozialstaates werden gerade jetzt wieder offensichtlich. Jene Länder mit einem gut ausgebauten Sozialstaat meistern die Krise besser als jene, in denen der Sozialstaat kaputtgespart wurde. 

Auch wenn Österreich gut aufgestellt ist, besteht Handlungsbedarf, denn die Lasten des Covid-19-Lockdowns sind sehr ungerecht verteilt. Sie treffen ärmere Menschen am härtesten. Und jene, die arbeitslos werden, verlieren von heute auf morgen fast die Hälfte ihres Einkommens. Angesichts der hohen Betroffenheit – jede 8. Arbeitnehmerin/ jeder 8. Arbeitnehmer ist mittlerweile arbeitslos! - gilt es dringend, die Solidarität im Sozialstaat auszubauen. Daher muss das Arbeitslosengeld armutsfest gemacht werden, indem die Nettoersatzrate auf mindestens 75 Prozent des Letzteinkommens erhöht wird.

Junge Arbeit­nehmer in den Fokus rücken 

Besondere Sorgen bereitet Kalliauer, dass junge Menschen zu den Hauptbetroffenen der Kündigungswelle gehören. Unter allen Altersgruppen sank im März die Anzahl der Beschäftigten bei jungen Menschen unter 25Jahren am stärksten. 36.538 Personen bzw. 8,6 Prozent der Beschäftigten in dieser Altersgruppe haben in diesem Monat ihre Arbeit verloren. Mit insgesamt fast 90.000 jungen Menschen unter 25 Jahren ohne Beschäftigung   (Die Jugendarbeitslosenquote betrug 12,5 Prozent.) haben wir bereits jetzt einen historischen Höchstwert. „Es besteht erneut die Gefahr einer 'verlorenen Generation'. Daher braucht es eine umfassende Ausbildungs- und Jobgarantie für alle Jugendlichen unter 25 Jahre“, fordert Kalliauer.

Und wenn nun aus Covid-bedingten Jobverlusten Langzeitarbeitslosigkeit entsteht, hat dies weitreichende negative Folgen. Hier sind ältere Arbeitslose besonders gefährdet. Es braucht daher auch eine Jobgarantie für ältere Arbeitsuchende, damit wir das Menschenrecht auf Arbeit in Österreich endlich ernst nehmen. Nach dem Vorbild der Aktion 20.000 sollte ein Sektor gemeinnütziger Beschäftigung, der älteren Langzeitarbeitslosen Perspektiven eröffnet und rasch ausgebaut werden.

Mehr Personal für das AMS

Nach dem Ende des Lockdown müssen den vielen Arbeitslosen so rasch wie möglich wieder gute Jobs angeboten werden. Das AMS und alle seine Mitarbeiter/-innen leisten dabei sehr gute und systemrelevante Arbeit. Die Personalausstattung des AMS war aber schon vor der Krise ungenügend und ist jetzt durch die Abwicklung der Kurzarbeit völlig überlastet. Das AMS-Budget muss daher deutlich aufgestockt werden. Wir brauchen dringend zusätzliche AMS-Berater/-innen, um eine qualitätsvolle Beratung und effiziente Vermittlung zu gewährleisten. 

Bischof Manfred Scheuer zum Tag der Arbeitslosen am 30. April 2020 und zum
Tag der Arbeit am 1. Mai 2020

Arbeit ist ein wesentlicher Faktor unseres Lebens. Viele Menschen sind stolz auf ihre Arbeit, trotz mancher Belastungen und Anstrengung. Arbeit ist sinnstiftend. Arbeit ist wichtig für die eigene Identität und das Selbstbewusstsein. Arbeit hat von daher nicht nur einen Preis, sondern einen unveräußerlichen Wert, denn dahinter steht der Mensch mit seiner ganzen Würde.
Die jetzigen Wochen und Monate haben in Folge der Bekämpfung der Corona-Pandemie zu einer abrupten Unterbrechung der Alltags- und Arbeitsroutine geführt. Die zentrale Bedeutung der Erwerbsarbeit für die Menschen rückte schlagartig in den Fokus. Ein paar Schlaglichter:

Da sind die vielen Frauen und Männer, die für den Fortgang der Grundversorgung selbst in der Phase des kompletten Lock-Downs mit ihrer Arbeit beigetragen haben. Beispielsweise im Gesundheitswesen, im Lebensmittelhandel, in der Landwirtschaft, bei den Behörden, usw. Viele haben gesellschaftlich eine Form der Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren, die im Alltag zuvor nicht selten unterging. Speziell in Coronazeiten sind z.B. alleinerziehende Frauen mit Beruf und Kindererziehung stark gefordert und auch überfordert.

Vielen wurde die Fragilität unserer Arbeitsgesellschaft bewusst: Da sind die Frauen und Männer, die die Erfahrung von Kurzarbeit machen und gemacht haben. Und es macht sich die Ungewissheit breit, wie es mit meinem Betrieb und mit meiner Branche weitergeht? Werde ich in Zukunft noch (meine) Arbeit haben? Es ist gut, dass es dieses soziale Auffangnetz der Kurzarbeit gibt und von politischer Seite entsprechende Maßnahmen gesetzt wurden. Man hat dabei auch gesehen, wie wichtig die österreichische Tradition der Sozialpartnerschaft ist, die in Zeiten der Krise Stabilität und Verlässlichkeit schafft. Und der österreichische Sozialstaat zeigt seine Tragfähigkeit. Dankbar bin ich für die gemeinsame Erklärung der 56 Abgeordneten von ÖVP, FPÖ, SPÖ und Grünen des Oberösterreichischen Landtags am 20.4.2020: „Niemand wird im Stich gelassen — dies gilt gleichermaßen für den soweit möglichen Ausgleich von persönlichen und finanziellen Nachteilen wie auch für die Zeit der kommenden Wiederherstellung möglichst weitgehend normaler Verhältnisse.“ Krisen zeigen auch Schwächen bzw. blinde Flecken des sozialen Systems. Wer kommt jetzt einfach nicht mehr mit dem Geld aus?

In den vergangenen Wochen war ein starker Zusammenhalt im Land spürbar. Wir haben aufeinander geschaut und auch gefragt, was andere brauchen. Viele Menschen haben Einschränkungen und Verzicht in Verantwortung für das Gemeinwohl auf sich genommen. Ist die Solidarität schon wieder zerbrechlich? Manche fürchten, dass sich bald wieder Neid und Kon-kurrenzdenken einschleichen. Und es wird ja einiges auch als ungerecht erfahren. Wer trägt die Kosten und wer profitiert aus dieser Krise? Da und dort ist Entsolidarisierung spürbar. Die Isolation macht noch einsamer.

Und schließlich sind da die zahlreichen Menschen – so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr –, die arbeitslos gemeldet wurden. Viele Kleinunternehmen und 1-Person-Unternehmen haben in dieser Krisenzeit keine Einkünfte mehr. Die Folgen davon: das Einkommen reduziert sich auf maximal die Hälfte von dem Einkommen davor, die Zukunft ist ungewiss, finanzielle Sorgen und Existenzängste machen sich breit. Diese Ängste haben nicht nur die Erwerbstätigen. Auch die Angehörigen insbesondere auch die Großelterngeneration, sorgt sich um die Zukunft der Jungen. 

Der massive Anstieg der Arbeitslosigkeit, betrifft – wenn man die unmittelbar betroffenen Familienmitglieder dazuzählt – weit mehr als eine Million der Menschen in Österreich. Diese wirkliche Not, die jetzt so viele Menschen trifft, bereitet mir, bereitet uns allen in der Kirche Sorge. Die Bischöfliche Arbeitslosenstiftung, viele von den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Pfarren, in den Betriebsseelsorgezentren und bei der KAB aber auch ich selbst sind mit diesen Erfahrungen der Menschen unmittelbar konfrontiert. Wir wollen auf die-sen Ebenen das Signal aussenden, dass sie mit diesen existentiellen Nöten nicht alleine gelassen sind, dass die Kirche dafür ein offenes Ohr hat und sie nach ihren Möglichkeiten Unterstützung anbietet. - Dankbar bin ich allen gegenüber, die durch gutes Wirtschaften und durch gute Politik gute Arbeit ermöglichen, Arbeitsplätze erhalten oder neu schaffen. 

Als Kirche wollen wir außerdem auch den Aspekt der Hoffnung und der Zuversicht einbringen. Die unbedingte menschliche Würde kommt jeder und jedem zu und definiert sich nicht ausschließlich über Arbeit. Aber: Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, das Einkommen aus Arbeit mit der daraus resultierenden sozialen Absicherung sind wesentliche Faktoren für ein erfülltes Leben. Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um für menschenwürdige Rahmenbedingungen für die Zukunft der Arbeit einzutreten. Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt um sich Gedanken darüber zu machen, wie Arbeit gut und gerecht verteilt wer-den kann. Manche, gerade jetzt als wichtig erfahrene Berufe sind eher bis sehr schlecht bezahlt. Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um prekäre Arbeitsverhältnisse vor den Vorhang zu holen und zu beleuchten. Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, der geleisteten Arbeit in den verschiedenen, oftmals nicht im Scheinwerferlicht stehenden Wirtschaftsbereichen eine neue Wertschätzung entgegenzubringen.

Papst Franziskus: „Ich hoffe, dass die gegenwärtige Gefahr den automatischen Gang der Dinge unterbricht, unser schlafendes Gewissen aufrüttelt und eine menschliche und ökologische Umkehr bewirkt, die (…) die Würde und das Leben ins Zentrum rückt.“ 

"Die Situation ist dramatisch und wird sich in den nächsten Monaten noch weiter zu­spitzen. Wir brauchen dringend eine bessere existenzielle Ab­sicherung der Menschen, die ihren Job verloren haben."

Dr. Johann Kalliauer

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"Die Situation ist dramatisch und wird sich in den nächsten Monaten noch weiter zu­spitzen. Wir brauchen dringend eine bessere existenzielle Ab­sicherung der Menschen, die ihren Job verloren haben."

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