28.9.2020

Zahl der Pflege­bedürftigen steigt und steigt: Arbeiter­kammer fordert eine öffentliche Pflege­garantie für alle

Die Corona-Pandemie hat die vielen Schwächen in der Pflege sichtbar gemacht. 800.000 Menschen in Österreich pflegen oder unter­stützen Angehörige. Jede/-r zehnte Öster­reicher/-in kümmert sich also um pflege­dürftige Familien­mitglieder. Die Pflege daheim in den eigenen vier Wänden steht aber auf wackeligen Beinen, denn es­ fehlt im Regelfall an schnell verfügbarem Ersatz, wenn der/die pflegende Angehörige verhindert ist - bei Krankheit, notwendiger Kinderbetreuung oder Berufs­tätigkeit. Jede/-r zweite Angehörige empfindet seine Verant­wortung als belastend. Nach Ansicht der AK muss rasch geholfen werden. „Wir brauchen endlich eine öffentliche Pflege­garantie für alle“, fordert AK-OÖ-Präsident Johann Kalliauer.

Angehörige besser unterstützen

Die Abschaffung des Pflege­regresses und die automatische jährliche Valori­sierung des Pflege­geldes seit heuer sind erfreuliche Fortschritte. „Diese Maß­nahmen reichen aber bei weitem nicht aus, um die Angehörigen tatsächlich zu entlasten“, so Kalliauer. Es braucht rasche und konkrete Lösungen, denn der Pflege­bedarf wird immer größer: Bezogen Ende 2019 noch 466.360 Personen Pflegegeld, so wird die Zahl bis 2025 laut WIFO auf mehr als 500.000 und bis 2050 sogar auf rund 750.000 steigen. Sowohl die vorige als auch die jetzige Bundes­regierung haben eine Pflege­reform angekündigt. Bisher gibt es dazu aber keine Ergebnisse. „Seit 3 Jahren werden Pflegebedürftige und Angehörige hingehalten“, ist der AK-Präsident empört.

Pro­fessio­nelle Pflege­ver­sorgung ist Mangel­ware

Für den Groß­teil der Pflege­bedürftigen ist keine pro­fessio­nelle Betreuung vorhanden: Ende 2018 gab es in Ober­österreich 69.898 Pflege­geld­bezieher/-innen. Davon wurden 18.090 Personen (26 Prozent) in Alten- und Pflege­heimen (inkl. Kurzzeit­pflege und betreutes Wohnen) rund um die Uhr betreut und gepflegt, 22.650 (32 Prozent) waren zuhause und konnten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, aber 29.158 (42 Prozent) wurden zuhause ohne professionelle Unter­stützung gepflegt. Das heißt: Die größte Gruppe der Pflegegeld­bezieher/-innen kann pro­fessionelle Betreuung nicht in Anspruch nehmen, weil entweder das Angebot nicht vorhanden ist oder das vorhandene Angebot nicht leistbar ist. Das setzt pflegende Angehörige zusätzlich unter Druck!

Versorgungs­grad in der Pflege sinkt

Ober­österreich hat bei der pro­fessio­nellen Pflege­versor­gung einen massiven Nachhol­bedarf, denn die Versorgungs­grade (die Leistungs­stunden bei den Mobilen Diensten sowie die Heim­plätze) gehen gravierend zurück: Standen 2013 für die ober­österreichische Be­völkerung im Alter von 75 Jahren und darüber noch 110,4 Heim­plätze pro 1000 Ein­wohner/-innen (inkl. Tages­betreuung) zur Verfügung, so machte dieser Wert im Jahre 2018 nurmehr 97,7 Plätze aus - ein Rück­gang um zwölf Prozent! Ähnlich verhält es sich bei den mobilen Diensten. 2013 betrugen die Leistungs­stunden für die Menschen ab 75 in Ober­österreich noch 14,3 pro Person. 2018 ist dieser Wert auf 12,6 Stunden im Jahr gesunken - ein Minus von 13,5 Prozent! Der Wegfall des Pflege­regresses bringt aber eine zusätzliche Nachfrage bis 2025 von 1.494 Heim­plätzen mit sich. Geplant oder gebaut werden aber lediglich 463 Langzeit­pflegeplätze.

Bei Pflege­ausgaben nur im Mittelfeld

Wieviel ein Staat bereit ist, für professionelle Pflege auszu­geben, zeigt der jeweilige Anteil dafür am Brutto­inlandprodukts (BIP). Laut OECD liegt Österreich hier mit 1,5 Prozent im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld, klar hinter Staaten, die beinahe das Doppelte in Pflege investieren wie Norwegen (2,9), Schweden (2,8) oder die Niederlande (2,6 Prozent).

Schweden ist Vorzeige­modell

Haupt­verant­wortung für die Pflege übernimmt in Schweden die Gemeinschaft und nicht die betroffenen Personen und ihre Familien. In Schweden besteht ein Anspruch auf öffentliche Dienste und Unter­stützung im Alltag. Die kommunalen Behörden erheben den Bedarf und danach wird das geeignete Pflege­angebot zur Verfügung gestellt. 96,4 Prozent der Pflege­leistungen in Schweden sind Sach­leistungen, bestehend aus stationären, teilstationären, ambulanten und mobilen Diensten. Laut OECD entfallen dort auf 1.000 Ein­wohner/-innen (65 Jahre und älter) 70,3 Lang­zeitpflege-Betten, während in Österreich nur 46,4 zur Verfügung stehen. Auch Haus­kranken­pflege, Wohn­raum­anpassungen, Haus­notruf und Fahrten­dienste werden von öffentlicher Seite zur Verfügung gestellt, um die Selbständigkeit der Älteren so lange wie möglich zu erhalten. Die Finan­zierung erfolgt überwiegend durch Steuern.

Landes-Pflegefonds als Konjunktur­motor

„Ich fordere von der Bundes­regierung ein Bekenntnis zur solidarischen Finanzierung der Langzeit­pflege aus Steuer­mitteln. Dazu sollen vermögens­bezogene Steuern für Reiche (mit jährlichen Ein­nahmen von bis zu 6 Milliarden Euro) herangezogen werden. Und es soll jeder einen Rechts­anspruch auf sämtliche professionelle Pflege­dienst­leistungen erhalten“, verlangt der AK-Präsident. Zudem müssen private Kosten­beteiligungen für mobile Dienste und Tages­zentren abgeschafft werden. Um die Pflege durch Angehörige zu erleichtern, soll es künftig einen Rechts­anspruch auf Pflege­karenz und Pflege­teilzeit bis zu einer Dauer von 3 Monaten bereits ab der Pflegestufe 1 geben. Vom Land Ober­österreich fordert die Arbeiter­kammer die Einführung eines Landes-Pflegefonds als Konjunktur­motor. Alleine für die Errichtung von zusätzlich 600 neuen Heimplätzen wäre ein Finanz­volumen von 66 Millionen Euro notwendig.

"Seit 3 Jahren werden Pflege­bedürftige und Ange­hörige hinge­halten. Wir brauchen endlich eine öffentliche Pflege­garantie für alle."

Dr. Johann Kalliauer

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