21.02.2021

AK-Kalliauer blickt nach vorne: „Erfolgreiches Modell der Corona-Kurzarbeit weist den Weg zu kürzerer Vollzeit-Arbeit“

Im dritten Quartal 2020 leisteten rund 610.000 Beschäftigte trotz Corona-Krise Woche für Woche Überstunden beziehungsweise Mehrarbeit. Meist nicht freiwillig. Laut Arbeitsklima Index sagt die Hälfte der Arbeit­nehmer/-innen mit langen Arbeitstagen, dass sie Überstunden auch nach der zehnten Arbeitsstunde nicht ablehnen kann. „Laut Gesetz müssen diese Überstunden aber freiwillig sein. Statt immer mehr Überstunden und Arbeits­druck muss die Arbeit besser verteilt werden. Die Erfahrung mit der Corona-Kurzarbeit legt es nahe, mittelfristig kürzere Arbeitszeiten für alle anzustreben. Das wäre auch ein wichtiger Schritt zur Bekämpfung der extrem hohen Arbeitslosigkeit“, sagt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer.

Kurz­arbeit zeigt Weg vor

In der Covid-19-Krise ist das Arbeitsvolumen insgesamt gesunken und die Arbeitslosigkeit massiv gestiegen. Branchenübergreifend nutzen viele Firmen – vom Klein­betrieb bis zum Großunternehmen – die Möglichkeit zur Kurzarbeit-, um auslastungsschwache Zeiten zu überbrücken und gleichzeitig Mitarbeiter/-innen und deren Know-How im Betrieb zu halten. Die Stabilisierung der Einkommen stärkt auch die für eine wirtschaftliche Erholung so wichtige Kaufkraft.

„Die Arbeitszeitverkürzung in Form der Corona-Kurzarbeit ist die wichtigste Einzelmaßnahme, um krisen­bedingte Massenarbeitslosigkeit einzudämmen. Sie dient zum Auffangen kurzer Wirtschaftseinbrüche“, erläutert AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer. Politische Entscheidungsträger/-innen und Sozialpartner/-innen sollten aber längerfristig eine generelle Arbeitszeitverkürzung ins Auge fassen.

Trotz Kurz­arbeit und hoher Arbeitslosigkeit Überstunden?

Ende Jänner 2021 waren in Österreich 535.470 Personen arbeitslos oder befanden sich in Schulung. Zusätzlich waren noch rund 470.000 Personen in Kurzarbeit. Andererseits leisteten im dritten Quartal 2020 mehr als 610.000 unselbständig Erwerbstätige 56 Millionen Überstunden. „Während die einen keine oder zu wenig Arbeit haben, leisten andere Monat für Monat Überstunden. Wir sollten Arbeit gleicher verteilen“, so Kalliauer. Er fordert deshalb eine Reduktion der wöchentlichen Normalarbeitszeit auf 35 Stunden mit Lohn- und Personalausgleich.

Als Grundlage für ein längerfristiges Modell kann für eine Übergangsphase das sogenannte „Solidaritäts­prämienmodell“ dienen. Dabei unterstützt das AMS eine Arbeitszeitreduktion im Betrieb, wenn gleichzeitig arbeitslose Personen eingestellt werden. Zudem fordert die AK das Verbot von Verfallsfristen für Überstunden- und Mehrarbeitszuschläge sowie eine Überstundenabgabe für Unternehmen in der Höhe von einem Euro pro Stunde.

Ablehnung Überstunden © -, AKOOE
Ablehnung Überstunden © -, AKOOE

Überlangearbeitstage: Ein Drittel betroffen

Was bis Ende August 2018 für die meisten Arbeit­nehmer/-innen noch eine absolute Ausnahme war, nämlich regelmäßig mehr als 8 Stunden pro Tag zu arbeiten, ist durch die Beschlüsse der damaligen türkis-blauen Regierung zum Regelfall geworden. Selbst in der Corona-Krise gibt es zahlreiche Arbeitnehmer/-innen mit überlangen Arbeitstagen. Bei der Arbeitsklima-Index-Erhebung mit einem Befragungszeitraum von Juli 2019 bis September 2020 gab die Hälfte der Befragten an, mindestens ein- bis zweimal im Halbjahr mehr als 10 Stunden zu arbeiten, rund ein Drittel sogar einmal pro Monat.

Häufigkeit langer Arbeitstage © -, AKOOE
Häufigkeit langer Arbeitstage © -, AKOOE

Freiwillige Über­stunden sind ein Märchen

Ab einer Tagesarbeitszeit von 10 Stunden haben Arbeitnehmer/-innen das Recht, angeordnete Überstunden ohne Angabe von Gründen einseitig abzulehnen. Die AK Oberösterreich wollte wissen, ob dieses Recht in der Praxis auch gelebt wird. Rund die Hälfte jener, die innerhalb von 3 Monaten zumindest einmal länger als 10 Stunden pro Tag gearbeitet haben, gab an, solche Überstunden nicht ablehnen zu können. Bei den Hilfsarbeitern/-innen sind es sogar mehr als 60 Prozent. Für diese Beschäftigten besteht dieses Recht offenbar nur auf dem Papier.

Erfahrungen der Corona-Kurzarbeit nutzen

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie werden auf dem Arbeitsmarkt, besonders stark in Gastronomie und Tourismus, noch viele Jahre spürbar sein. Die Digitalisierung und der Strukturwandel der Automobilindustrie werden zusätzlichen Druck auf den österreichischen Arbeits­markt ausüben. „Allein in Oberösterreich haben vom März des Vorjahres bis Ende dieses Jänners fast 18.000 Betriebe für rund 255.000 Beschäftigte Kurzarbeit beantragt. Ohne diese Maßnahme wäre die Arbeitslosigkeit noch viel höher. Das zeigt, dass kürzere Arbeitszeiten funktionieren“, sagt der AK-Präsident.


Während die einen keine oder zu wenig Arbeit haben, leisten andere Monat für Monat Überstunden. Wir sollten Arbeit gleicher verteilen

dr. johann kalliauer

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