25.01.2019

Treten, kratzen, beißen: Gewalt im Gesundheits- und Sozialbereich ist kein „Berufsrisiko“ - AK bietet Online-Gewaltcheck

Gewalt gegenüber Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich wird oft als „Berufsrisiko“ abgetan - oder totgeschwiegen. „Gewalt darf nicht stillschweigend hingenommen oder als persönliches Problem der Betroffenen verharmlost werden“, sagt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer mit Blickrichtung auf Arbeitgeber/-innen und Führungskräfte. Unterstützung für (potenziell) Betroffene bietet die Arbeiterkammer Oberösterreich mit dem neuen Online-Gewaltcheck.

Jeder zweite Beschäftigte ist betroffen

Schlagen, treten, kratzen, beißen, stoßen, zwicken, anspucken - das Spektrum ist vielfältig. Eine von der AK in Auftrag gegebene Studie („Arbeitsbedingungen in der Langzeitpflege aus Sicht der Beschäftigten“) zeigt das Ausmaß der Gewalt am Beispiel der Alten- und Pflegeheime: Österreichweit sind über ein Drittel der Beschäftigten mindestens einmal im Monat körperlicher Gewalt ausgesetzt. Von sexueller Belästigung sind österreichweit ein Fünftel betroffen.

Die Zahlen aus Oberösterreich sind noch alarmierender:

  • Jeder Zweite ist von Gewalt betroffen
  • 24 Prozent erleben sexuelle Gewalt

Auch am Beispiel der Krankenhäuser zeigt sich, dass die Gewalt zunimmt. 41 Prozent der Befragten einer weiteren AK-Studie stimmen dieser Aussage zu. Und das in einem Arbeitsumfeld, in dem die zunehmende Zahl der Aufgaben ohnehin schon kaum zu bewältigen ist, wie 9 von 10 der Befragten bestätigen.

Zusammenhang zwischen Personal-Notstand und Gewalt

Gewalt und Aggressionen entstehen vor allem dort, wo zu wenig Zeit für die Betreuung bleibt oder quälend lange Wartezeiten vorkommen. Der Zusammenhang zwischen Gewalt und Personalmangel ist offensichtlich. In Nachtdiensten, in denen es besonders häufig zu gewaltsamen Übergriffen kommt, arbeiten Pflegekräfte meist auf sich alleine gestellt. Ein Grund mehr für AK-Präsident Kalliauer, ausreichend Personal für den Gesundheits- und Sozialbereich zu fordern: „Wir haben bereits mit unseren Studien zum Mindestpflege-Personalschlüssel in den Alten- und Pflegeheimen sowie zur Personalberechnung in den oberösterreichischen Krankenhäusern darauf hingewiesen: Wir brauchen mehr Personal, und das rasch.“ Kalliauer erneuert in diesem Zusammenhang noch einmal sein Angebot an die verantwortliche Landeshauptmann-Stellvertreterin Christine Haberlander, die Expertise der AK in einer gemeinsamen Strategiegruppe einzubringen: „Das Land muss jetzt wirklich alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Situation der Beschäftigten zu verbessern und damit die Qualität der Gesundheitsversorgung in Oberösterreich sicherzustellen.“

Nicht nur körperliche Gewalt verletzt

Häufige verbale Attacken zeigen langfristig die gleiche Wirkung auf die Gesundheit der Beschäftigten wie gewalttätige Übergriffe. Mehr als ein Viertel der Beschäftigten in den Alten- und Pflegeheimen (27,7 Prozent) erlebt mindestens einmal pro Woche Beleidigungen und Beschimpfungen.

Arbeitgeber/-innen und Führungskräfte in der Pflicht

Für die Arbeiterkammer geht es darum, alle Beteiligten für das Thema zu sensibilisieren: die Beschäftigten, ihre Vorgesetzten, die Betriebsrätinnen und Betriebsräte, die Träger der Einrichtungen, in denen sie arbeiten, aber auch die Patientinnen und Patienten. „Wir wollen die Führungen in die Pflicht nehmen: Sie sind es, die dafür sorgen müssen, dass ihre Beschäftigten bestmöglich vor jeglicher Art von Gewalt geschützt werden“, ergänzt Kalliauer. Die Arbeiterkammer fordert deshalb eine Konkretisierung der gesetzlichen Regelung zur Verantwortlichkeit der Arbeitgeber/-innen und eine Verankerung der Gewaltprävention als Gesundheitsziel im Arbeitnehmer/-innen-Schutzgesetz.

Online-Gewaltcheck der AK

Um das Tabu zu brechen und die Beschäftigten zu unterstützen, bietet die Arbeiterkammer Oberösterreich auf ihrer Homepage einen Online-Gewaltcheck. „Damit können Kolleginnen und Kollegen die individuelle Betroffenheit sowie den Umgang mit Gewalt im Betrieb besser einschätzen. Und sie können überprüfen, inwieweit das eigene Arbeitsumfeld gewaltförderlich wirkt“, erklärt AK-Präsident Kalliauer. 

Gewalt-check für Pflegekräfte

Sind auch Sie betroffen?

Das Land Oberösterreich muss jetzt alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Situation der Beschäftigten zu verbessern.

Dr. Johann Kalliauer

AK-Präsident

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