22.12.2020

AK OÖ lehnt AMS-Algorith­mus weiter ent­schieden ab

Ab Jänner 2021 hätte beim Arbeits­markt­service (AMS) das „Arbeitsmarkt­chancen-Assistenz-System“ - bekannt als „AMS-Algorithmus“ - ein Computer­programm zur Bewertung der „Integrations-Chancen“ von Arbeit­suchenden angewendet werden sollen. Das hat die Daten­schutz­behörde wegen daten­rechtlicher Bedenken zunächst gestoppt. Nun hat das Bundes­verwaltungs­gericht den Bescheid der Daten­schutz­behörde aufgehoben. „Wir lehnen die Anwendung des AMS-Algorithmus weiterhin entschieden ab. Der Algorithmus löst keine Probleme, droht aber Vorurteile und bereits bestehende soziale Benach­teiligungen auf dem Arbeits­markt zu verschärfen“, erklärt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer.

 
Algorithmus ist falsches Instrument

Das Institut für Technik­folgen-Abschätzung der Öster­reichischen Akademie der Wissen­schaften hat im Auftrag der AK OÖ gemeinsam mit der TU Wien eine Studie über Auswirkungen und Mechanismen dieses Algorithmus erstellt. Das zentrale Ergebnis: Der AMS Algorithmus in der derzeitigen Form führt gleich zu mehreren Verzerrungen bei der Bewertung der Job­chancen und damit der Förder­würdigkeit von Arbeit­suchenden. So werden beispielsweise 2 arbeitslose Personen im Alter von 30 und 49 Jahren gleich behandelt, 2 Personen im Alter von jeweils 49 und 51 Jahren unterschiedlich. Dem 51-Jährigen werden schlechtere „Integrations-Chancen“ und damit eine geringere Förder­würdigkeit zugebilligt.

Algorithmus bildet Wirklichkeit zu grob ab

Ein weiteres Beispiel ist das Merkmal „gesund­heitliche Beein­trächtigung“, das äußerst grob durch Ja/Nein abgebildet wird. Dabei wird weder darauf Rücksicht genommen, welche konkrete Beein­trächtigung eine Arbeit­suchende / ein Arbeit­suchender hat, noch welchen Beruf diese Person ausüben möchte. Konkret: Wenn jemand einen Rollstuhl benutzt, mag das in manchen Berufen ein Problem sein, in vielen anderen aber nicht.

Algorithmus schreibt Diskriminierung fort

Auch bestehende Ungleich­heiten und Diskrimi­nierungen am Arbeits­markt werden im AMS-Algorithmus fortge­schrieben. So führt etwa das Merkmal „Kinder­betreuungs­pflichten“ bei Frauen zu einer schlechteren Bewertung der Integrations-Chancen durch den AMS-Algorithmus, unabhängig davon ob sie im konkreten Fall tatsächlich eingeschränkt sind. Bei Männern ist das nicht der Fall. Und Frauen mit „Migrations­hintergrund“ werden viel häufiger als Männer mit „Migrations­hintergrund“ dem niedrigsten Segment N zugeordnet.

Integrations-Chance ist fragwürdig

Auch die Behauptung, dass die durch den AMS-Algorithmus berechnete „Integrations-Chance“ lediglich eine „zweite Meinung“ darstellt, ist nicht stichhaltig. Bei der ohnehin knappen Beratungs­zeit ist eine automatische Übernahme der computer­generierten Einstufung durch die Beraterin, den Berater sehr wahrscheinlich. Das System setzt Anreize, eher dem errechneten Chancenwert zu folgen, als diesen zu „korrigieren“.

Algorithmus grundlegend falsch konstruiert

Unabhängig davon, hat der AMS-Algorithmus einen grundlegenden Konstruktions­fehler. „Die mit dem Algorithmus verknüpfte Entscheidung, vorwiegend Arbeitsuchende mit mittleren Jobchancen zu unterstützen und Menschen mit geringen Arbeitsmarkt­chancen weniger zu fördern, ist grundlegend falsch. Ältere, Menschen mit gesundheitlichen Problemen, Geringqualifizierte oder Arbeitslose in struktur­schwachen Regionen brauchen nicht weniger, sondern mehr Unterstützung vom AMS“, betont der AK-Präsident. Diesen Weg bestreitet zum Beispiel Schweden, wo Arbeitslose mit geringen Integrations-Chancen frühzeitig erweiterte Ressourcen bekommen. 

Die zentrale arbeitsmarkt­politische Herausforderung wird im Jahr 2021 die Langzeitarbeitslosigkeit sein. Der AMS-Algorithmus wird bei deren Bekämpfung keinesfalls helfen, sondern die Situation noch verschärfen. „Statt des Algorithmus braucht es einen Rechtsanspruch auf bedarfsgerechte Maßnahmen des AMS und vor allem mehr Personal“, fordert Kalliauer. Evaluierungen des WIFO haben gezeigt, dass mehr AMS-Personal tatsächlich zu einer Verkürzung der Arbeitslosig­keits­dauer beiträgt. 

Forderungen der Arbeiterkammer Oberösterreich

  • Rechtsanspruch auf bedarfsgerechte Unterstützung durch aktive Arbeitsmarktpolitik
    Arbeitslose Menschen sollen - je nach ihrem Unterstützungsbedarf und auf freiwilliger Basis - Zugang zu AMS-Maßnahmen erhalten. Mit einem Rechtsanspruch wird gewährleistet, dass für Jobsuchende die notwendigen Mittel von der öffentlichen Hand bereitgestellt werden.

  • Mehr Personal für das AMS
    Das AMS hätte bereits vor der Corona-Krise mehr Personal benötigt. Die nun beschlossenen 350 befristeten zusätzlichen Planstellen (davon 100 für die Abwicklung der Kurzarbeit) bis 2023 und der gestoppte Stellenabbau von weiteren 150 Stellen sind zu begrüßen. Das ist aber zu wenig. Der Gesamt-Bedarf ist mit mehr als 650 zusätzlichen Planstellen deutlich größer.

  • Ein Konjunkturprogramm und weitere Maßnahmen zur Schaffung von Jobs
    Es braucht eine öffentliche Jobgarantie zur Schaffung von Jobs für Langzeitbeschäftigungslose. Darüber hinaus sollte die Bundes­regierung ein zielgerichtetes, rasch wirksames Konjunktur- und Beschäftigungs­paket mit mehr Investitionen in die öffentliche und soziale Infrastruktur schnüren. 
Zur Studie zum AMS-Algorithmus

Der Algorithmus löst keine Probleme, droht aber Vor­urteile und bereits bes­tehende soziale Be­nach­teiligun­gen auf dem Arbeits­markt zu ver­schärfen!

Dr. Johann Kalliauer

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