Gewalt gegen Pflegende: Ein Tabuthema, das mehr Beachtung verdient hat

Beim Thema Gewalt in der Pflege denkt man sofort an die Vorfälle in Lainz und daran, dass Pflegekräfte Hilfsbedürftigen Gewalt antun. Damals in den 80er Jahren hatten Pflegerinnen Patienten sogar getötet. Das hat die Öffentlichkeit sensibilisiert. Es wird auf vielen Ebenen daran gearbeitet, dass Patienten/-innen geschützt werden.

Woher kommt Gewalt? Wie zeigt sie sich?

Es gibt sie aber auch in die andere Richtung, die Gewalt gegen Pflegekräfte. In einem Projekt in einem oberösterreichischen Krankenhaus haben Pflegekräfte über tägliche Erfahrungen mit Gewalt von Patienten/-innen berichtet. Die Ursache der Gewalt gegen Pflegekräfte ist oft sehr unterschiedlich:

  • Heimbewohner/-innen können ihre Handlungen selbst nicht beeinflussen; etwa bei Einrichtungen, die geistig beeinträchtigte Menschen pflegen oder bei Medikamentengaben, die die geistigen Fähigkeiten beeinflussen

  • Klientinnen und Klienten haben Angst vor pflegerischen Maßnahmen und „wehren“ sich

  • Pflegehandlungen „stören“ den Tagesablauf, die Routine der Patienten/-innen / Bewohner/-innen

  • Patientinnen und Patienten, die psychisch durch ihre aktuelle Lebenssituation beeinflusst sind, sehen wenig Sinn im Leben und agieren aggressiv gegenüber Bezugspersonen

  • Insbesondere Männer nutzen ihre vermeintliche „Machtposition“ gegenüber dem Pflegepersonal um vorhandenes frauenfeindliches Verhalten ausleben zu können.

Bei Gewalt gegenüber Pflegekräften unterscheidet man körperliche Gewalt wie Kratzen, Beißen, Festhalten, sexuelle Gewalt wie Betatschen, Berühren oder anzügliche Aussagen und psychische Gewalt durch Beleidigungen, Dauerklingeln und abwertende Bemerkungen.

Arbeitgeber muss das Problem ernst nehmen

In der Arbeit verletzt zu werden, kann nicht als das übliche Berufsrisiko für Pflegende hinge-nommen werden. Die Arbeitgeber/-innen müssen dieses Phänomen ernst nehmen und dagegen aktiv werden:

  • Führungskräfte müssen auf ihre Fürsorgepflicht hingewiesen, den Patienten/-innen muss klar gemacht werden, dass Gewalt gegen Pflegekräfte kein Kavaliersdelikt ist. Angriffe können angezeigt werden und gewalttätige Patienten/-innen aus der Einrichtung weggewiesen werden.

  • Auch Beinaheunfälle und sogenannte Bagatellunfälle sind im Rahmen der Arbeits-platzevaluierung zu berücksichtigen und Maßnahmen abzuleiten. Die Prävention muss durch laufende Anpassung der Evaluierung gestärkt werden.

  • In der Aus- und Weiterbildung für Kranken- und Pflegeberufe muss für Gewalt gegen Pflegekräfte entsprechend Zeit gewidmet und die Sensibilität geschärft werden. Pflegekräfte dürfen nicht die Verantwortung der Gewalt gegen sie übernehmen, es müssen Selbstverteidigungstechniken gelehrt werden.

  • Technische Sicherheitsmaßnahmen wie Notruftaste oder Handy müssen sicherstellen, dass Pflegekräfte sofort Hilfe anfordern können

  • Bei Dienstbesprechungen muss auch die Gewaltbereitschaft von Patienten/-innen Thema sein, es sollen gemeinsame Handlungen geplant werden

  • Für die Dienstübergabe muss genügend Zeit vorhanden sein, es müssen besondere Vorkommnisse der letzten Schicht besprochen werden.

  • Es muss ausreichend Personal zur Verfügung stehen, insbesondere im Nachtdienst muss immer eine zweite Person in Reichweite sein

Betroffene Pflegekräfte haben Recht auf Hilfe

Sollte ein Angriff bereits erfolgt sein, muss klar sein, dass und wem dieser Vorfall zu melden ist und welche standardisierten Schritte gesetzt werden können, beispielsweise Ansätze für die betroffene Pflegekraft wären etwa Supervision oder ausführliche psychologische Betreuung. 

Pflegekräfte haben oft ein schlechtes Gewissen den Patienten/-innen gegenüber („die/der meint das ja nicht so“) und verzichten daher auf eine Meldung.

Hier kann der Betriebsrat helfen - eine Betroffene berichtet

"Es sind nicht immer Patienten mit psychischen Problemen oder verwirrte Patienten, sondern auch Angehörige, die Druck auf das Pflegepersonal ausüben. Beleidigungen, anzügliche Bemerkungen oder Drohungen sind leider nicht selten. Wichtig ist, dass den Pflegekräften bewusst ist, dass weder körperliche noch verbale Attacken hinzunehmen sind. Die Kolleginnen und Kollegen haben oft Angst, Vorfälle zu melden, um nicht als „unqualifiziert“ abgestempelt zu werden. 

Der Arbeitgeber – von der Bereichsleitung bis zur Geschäftsführung – ist durch seine Fürsorgepflicht gefordert, diese immer häufiger auftretende Problematik ernst zu nehmen. Es reicht nicht, wenn die Übergriffe vom Pflegepersonal „nur“ dokumentiert und weitergeleitet werden. Es muss für Patienten und Angehörige Konsequenzen geben – bis zum Verweis aus der Klinik oder Hausverbot für die Angehörigen.

Präventive Maßnahmen müssen eingefordert werden. Beispiele dafür sind: genügend Pflegepersonal, ein sicherer Rückzugsraum - zum Beispiel ein Dienstzimmer mit einer Tür, die sich von außen nur mit einem Schlüssel öffnen lässt – vor allem im Nachtdienst.

Dem Arbeitgeber muss zudem bewusst sein, dass Gewalt am Arbeitsplatz vor allem ein psychischer Belastungsdruck ist. Umso wichtiger ist die psychische Evaluierung der Arbeitsplätze. So können Arbeitgeber und Betriebsräte frühzeitig reagieren und den Kollegen signalisieren, dass ihre Probleme ernst genommen werden,“ so umreisst Barbara Pucher, Betriebsrätin im St. Josef KH Braunau, ihre Erfahrungen.

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