1. Lehrlingsmonitor: Lehrlinge wollen etwas lernen

In der internationalen Diskussion herrscht breiter Konsens, dass das duale Ausbildungssystem mit seinem starken Fokus auf die betriebliche Praxis eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt. Dazu zählen die Integration in die Arbeitswelt, das praktische Lernen am Arbeitsplatz, der finanzielle Vorteil durch die Lehrlingsentschädigung oder der Erwerb von Beitragszeiten zur Pensionsversicherung. Doch während die duale Ausbildung zunehmend zum Exportschlager avanciert, streben hierzulande immer weniger Jugendliche eine Lehre an. Um diesem Widerspruch auf den Grund zu gehen, haben Arbeiterkammer und der ÖGB eine umfassende Lehrlingsbefragung beauftragt. 

1/3 der Betriebe nehmen sich zu wenig Zeit für ihre Lehrlinge 

Der Studienautor Peter Schlögl präsentierte die Ergebnisse: „2 von 5 Lehrlingen sehen ihren Ausbildner, ihre Ausbildnerin nur manchmal, oder sie kennen ihn/sie gar nicht. Ein ähnlich hoher Anteil bekommt nur kaum oder gar keine Rückmeldung zum Ausbildungsfortschritt. Jeder dritte Lehrling gibt sogar an, immer oder häufig für ausbildungsfremde Tätigkeiten eingesetzt zu werden. Das Sündenregister lässt sich fortsetzen: Nicht einmal 2 Drittel der Lehrbetriebe (61 Prozent) interessieren sich dafür, was die Jugendlichen in der Berufsschule lernen – und jeder zweite Lehrling sagt, dass es bei neuen Arbeitsaufgaben nicht genug Zeit zum Ausprobieren gibt.“

Ausbildungsqualität: Die Probleme der Lehrlinge

Ausbildungsqualität: Die Probleme der Lehrlinge © -, AK Oberösterreich
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Betriebe müssen Lehrlinge ausbilden

„Jene Branchen, die am lautesten nach Lehrlingen schreien, sind jene, in denen die Jugendlichen nicht bleiben wollen, zeigt der Lehrlingsmonitor deutlich. Die Jugendlichen wollen keine unfreiwilligen Überstunden machen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Die Aufgabe der Betriebe ist es, die Lehrlinge auszubilden und sie auf ihrem Weg zur Lehrabschlussprüfung zu begleiten. Die Kritik an einer wesentlichen Aufgabe der Betriebe zeigt, dass wir noch einen weiten Weg zur Verbesserung des dualen Ausbildungssystem vor uns haben“, so Vanessa Radu, Bundesjugendsekretärin der Gewerkschaft vida und Arbeiterkammerrätin. 

Gute Rahmenbedingungen machen zufriedene Lehrlinge

Für Sascha Ernszt, den ÖGJ-Vorsitzenden, ist die Lehrausbildung noch nicht im Jahr 2015 angekommen: „Viel zu wenige Betriebe interessieren sich für die schulischen Erfolge der Lehrlinge und fragen auch nicht nach den Wünschen in Bezug auf die Ausbildung. Das muss sich rasch ändern, denn in jenen Betrieben in denen eine Feedbackkultur gelebt wird, passen die Rahmenbedingungen, und auch die Zufriedenheit der Lehrlinge ist hoch. Daher braucht es Qualitätsstandards in der Lehre sowie eine Fachkräftemilliarde. Vorarlberg hat schon einen Ausbildungsfonds, der Vorbild für ganz Österreich sein kann, denn das ‚Gießkannenprinzip‘ bei den Förderungen muss endlich ein Ende haben.“

Gesetzliche Qualitätssicherung in der Lehre notwendig

„98 Prozent der Lehrlinge schließen die Berufsschule positiv ab. Es kann daher nicht an den Jugendlichen liegen, dass 25 Prozent der Lehrlinge, nicht zur Lehrabschlussprüfung antreten oder diese nicht positiv absolvieren. Internationale Wettbewerbe zeigen, dass wir in der Ausbildung spitze sind, aber wir müssen – im Vergleich zum Sport – auch im Breitensport etwas tun. Jugendliche und Eltern müssen sich sicher sein, dass alle Betriebe eine gute Ausbildung machen. Derzeit ist die Lehrabschlussprüfung der einzige Gradmesser für die Qualität der praktischen Ausbildung in den Betrieben. Es gibt in den meisten Betrieben keine weitere Überprüfung, und das soll sich ändern. Es muss ein gesetzlich vorgeschriebenes Qualitätsmanagement und Qualitätsnormen für die Lehrausbildung geben“, fordert AK-Präsident Rudi Kaske: „Wenn es für die Qualität jeder Schraube Normen gibt, dann muss das auch für die Ausbildung der Fachkräfte gelten, die sie herstellen.“

Qualität in der Breite hat viel Verbesserungspotenzial

ÖGB-Präsident Erich Foglar stellt fest, dass „wir ein verbessertes Ausbildungssystem brauchen, weil wir ein gutes haben. Das duale Ausbildungssystem ist einer der Hauptgründe, dass Österreich zu den Ländern mit der geringsten Jugendarbeitslosigkeit gehört. Wir haben Spitzenbetriebe, deren Lehrlinge bei Berufseuropa- und -weltmeisterschaften ständig Erfolge erzielen, aber die Qualität in der Breite hat viel Verbesserungspotenzial. Vorbild ist hier einmal mehr Vorarlberg. Es ist ein erstrebenswertes Ziel von Jugendlichen und Eltern, eine Lehre in Vorarlberg zu absolvieren, weil sich diese qualitativ von jener in den anderen Bundesländern deutlich unterscheidet. Da Arbeits- und Ausbildungsbedingungen maßgeblich für die Zukunft der Arbeitnehmer/-innen sind, gehört für uns eine umfangreiche Ausbildung für die Lehrlingsausbildner/-innen in den Betrieben sowie ständige Weiterbildung der Ausbildner/-innen dazu. Die Lehrlinge können nur so gut sein, wie jene, die sie ausbilden.“ 

Arbeitsrecht: So werden die Lehrlinge behandelt

Arbeitsrecht: So werden die Lehrlinge behandelt © -, AK Oberösterreich
Arbeitsrecht: So werden die Lehrlinge behandelt © -, AK Oberösterreich

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Forderungen von ÖGB, ÖGJ und AK

Das fordern ÖGB, ÖGJ und AK

  • Gesetzliche Einführung eines Qualitätsmanagements für die Berufsausbildung in den Betrieben.
  • Qualitätsgebundene Fördermodelle statt „Gießkannenprinzip“.
  • Mehr Aus- und Weiterbildung für Ausbildner/-innen.
  • Keine berufsfremden Tätigkeiten.
  • Berufsschule: Lehrlingsfreifahrt; Ausweitung der Berufsschulzeiten; stärkere Vernetzung von Berufsschulen und Betrieben.

Das fordern ÖGB und ÖGJ

  • Ausbildungsfonds: "Fachkräftemilliarde"

TIPP

Weitere Infos zum 1. Lehrlingsmonitor finden Sie unter http://www.oegj.at/servlet/ContentServer?pagename=S01/Page/S01_Index&n=S01_87

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