16.03.2018
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Langzeitarbeitslosigkeit bleibt zentrales Problem

 Im zweiten Halbjahr 2017 hat sich der Konjunkturaufschwung verfestigt. Er hat zu mehr offenen Stellen und zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit geführt. Der Rückgang ist erfreulich, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass derzeit rund 150.000 mehr Menschen arbeitslos oder in Schulung sind als vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise vor rund 10 Jahren.

Der aktuelle Rückgang der Arbeitslosigkeit betrifft allerdings nicht alle arbeitslosen Menschen - die Langzeitarbeitslosigkeit ist sogar gestiegen:

  • Im Jahr 2017 ist die Zahl der Arbeitslosen mit einer Arbeitslosigkeitsdauer über ein Jahr erneut gestiegen und war mit 58.537 mehr als zehnmal so hoch wie noch vor der Finanz- und Wirtschaftskrise.

  • Damit war rund jede/r sechste Arbeitslose in Österreich langzeitarbeitslos. 

  • Die durchschnittliche Verweildauer in Arbeitslosigkeit stieg von 88 Tagen im Jahr 2008 auf 127 Tage im Jahr 2017. Also rund um ein Drittel.

Entwicklung des Arbeitslosenbestandes nach Dauer der Arbeitslosigkeit

Grafik: Entwicklung des Arbeitslosenbestandes nach Dauer der Arbeitslosigkeit © -, AK Oberösterreich

Frauen scheinen oft nicht auf

Frauen sind mit 37,2 Prozent ( 2017) unter den Langzeitarbeitslosen  unterrepräsentiert. Das liegt vor allem daran, dass bei der Notstandshilfe, die nach dem Auslaufen des Arbeitslosengeldes gewährt wird, das Einkommen des Partners/der Partnerin zur Beurteilung der Notlage berücksichtigt wird (diese Regelung ist noch bis Ende Juni 2018 in Kraft).

Entfällt aufgrund der Anrechnung des Partner/-inneneinkommens der Anspruch auf Notstandshilfe, melden sich diese Personen, meist Frauen, kaum mehr beim Arbeitsmarktservice. Sie scheinen somit in den Registerdaten nicht als langzeitarbeitslos auf. 

Ältere sind länger arbeitslos

Das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit steigt mit zunehmenden Alter stark an. Die Gruppe der 55- bis 64-Jährigen weist den höchsten Anteil an den Langzeitarbeitslosen auf. Rund 31 Prozent der Langzeitarbeitslosen zählen zu dieser Altersgruppe. Insgesamt - das heißt unter allen Arbeitslosen - ist der Anteil der 55- bis 64-Jährigen deutlich niedriger (17 Prozent).

Ein EU-Bericht identifiziert das Alter einer arbeitslosen Person als Haupterklärungsfaktor für das Langzeitarbeitslosigkeitsrisiko. Sie führen dies auf eine negative Haltung der Arbeitgeber/-innen gegenüber älteren Arbeitnehmer/-innen zurück, was zu Diskriminierung bei Einstellungsverfahren führen kann.

Kranke finden kaum einen Job

Ähnliches erleben Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Rund 38 Prozent der Langzeitarbeitslosen in Österreich (das sind 22.415 Menschen) haben gesundheitliche Vermittlungseinschränkungen. Es ist zu vermuten, dass es keine geeigneten Arbeitsplätze für diese Gruppe gibt und dies der Grund für ihre lange Arbeitslosigkeitr ist.  

Ohne Ausbildung länger auf Jobsuche

In Bezug auf das Bildungsniveau von Langzeitarbeitslosen verschärft sich der Zusammenhang zwischen Ausbildung und Arbeitslosigkeitsrisiko weiter. Rund jede/r zweite Langzeitarbeitslose hat maximal eine Pflichtschulausbildung. Dieser Wert liegt höher als im Durchschnitt aller Arbeitslosen (44,5 Prozent). 

Ausbildung schützt allerdings nicht immer: Knapp 16 Prozent der Langzeitarbeitslosen beziehungsweise  9.257 Menschen haben sogar eine höhere  oder gar eine akademische Bildung. Es ist ökonomischer Irrsinn, dieses Potenzial nicht zu aktivieren und eine Entwertung des Wissens durch die lange Arbeitslosigkeitsdauer zu riskieren - vor diesem Hintergrund sind auch die Klagen der Wirtschaft über den behaupteten Fachkräftemangel zu bewerten.

Langzeitarbeitslose im Jahr 2017 nach Ausbildung

Grafik: Langzeitarbeitslose im Jahr 2017 nach Ausbuildung © -, AK Oberösterreich

Ausländer bei Langzeitarbeitslosen unterrepräsentiert

Der Anteil nicht-österreichischer Staatsbürger/-innen unter den Langzeitarbeitslosen ist geringer als unter allen Arbeitslosen. Rund 21 Prozent (12.166) Langzeitarbeitslose haben keine österreichische Staatsbürgerschaft. Der Ausländer/-innenanteil unter allen Arbeitslosen liegt bei knapp 30 Prozent. 

Die Ursache dafür liegt in der unterschiedlichen Altersstruktur von Inländer/-innen und Ausländer/-innen. Zuwanderung findet hauptsächlich im Haupterwerbsalter statt, ist die nicht-österreichische Bevölkerung mit durchschnittlich 34,6 Jahren jünger als die österreichische (43,9 Jahre) - Statistik Austria 2017. Damit sind Ausländer/-innen zumindest von einem zentralen Risikofaktor für Langzeitarbeitslosigkeit  - dem höheren Alter - weniger betroffen.

Bundesregierung verfolgt falsche Politik

Die von der Regierung angekündigten Kürzungen des Förderbudgets des Arbeitsmarktservice (AMS) treffen überwiegend Langzeitarbeitslose. Auch die anderen geplanten Maßnahmen im Regierungsprogramm (wie etwa Abschaffung der Notstandshilfe, Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen, mehr Sanktionen) werden die Langzeitarbeitslosigkeit nicht senken. Diese Vorschläge, gehen an den Problemlagen von Langzeitarbeitslosen vorbei.  

Um Langzeitarbeitslosigkeit zu senken, ist eine Kombination von nachfrageschaffenden Maßnahmen speziell für Langzeitarbeitslose und eine intensivierte, bedarfsgerechte aktive Arbeitsmarktpolitik notwendig. Ersteres war durch die Aktion 20.000 gelungen. Hier eröffnete der Staat für Menschen, die in der Privatwirtschaft keine Chance erhalten, eine sinnvolle Perspektive. Die Zwischenevaluierung verweist auf erste positive Effekte. 

Die Regierungsstrategie,  mehr Druck und Sanktionen auf Arbeitslose auszuüben, wird ebenfalls nicht fruchten - das ist empirisch bereits belegt. Eine WIFO-Studie zeigt ganz klar, dass ein häufigerer Einsatz von Sanktionen nicht die Beschäftigungsintegration von Arbeitslosen verbessert, sondern allenfalls einen vermehrten Rückzug aus dem Arbeitsmarkt verursacht.

Sinnvoller sind Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik, die zum Beispiel  durch Weiterbildungen oder Umschulungen dem digitalen Strukturwandel entgegenwirken. Der Erfolg dabei hängt von passgenauen, individuellen Lösungen ab und davon, inwieweit es gelingt Motivation und Selbstvertrauen von Langzeitarbeitslosen zu stärken.

Hier stößt das AMS immer wieder an seine durch Ressourcenknappheit bedingten Grenzen. Zur Senkung der Langzeitarbeitslosigkeit wären daher dringend mehr personelle und finanzielle Ressourcen für das AMS nötig. Als weitere wichtige Strategie erscheint der Ausbau des zweiten Arbeitsmarktes. Hier werden von sozialökonomischen Betrieben und gemeinnützigen Beschäftigungsprojekten Menschen eingestellt, um sie so zu qualifizieren, ihnen Arbeit zu ermöglichen und sie bei der Suche nach einer dauerhaften Beschäftigung am regulärem Arbeitsmarkt zu unterstützen. Durch Erwerbsarbeit und regelmäßige soziale Kontakte wird Resignation, Demoralisierung und Demotivation vorgebeugt, da Langzeitarbeitslose weiterhin in der Gesellschaft eingegliedert bleiben und das Gefühl bekommen etwas Sinnvolles zu leisten.

Konkrete Maßnahmen, die helfen
  • Verbesserung der finanziellen Absicherung bei Arbeitslosigkeit: Die Nettoersatzrate muss in Richtung 75 Prozent angehoben und die Bezugsdauer verlängert werden.  

  • Mehr personelle und finanzielle Ressourcen für das AMS zur Verbesserung der Beratungs- und Vermittlungsdienstleistungen.  

  • Ausbau der aktiven Arbeitsmarktpolitik in Form von bedarfsgerechten und nachhaltigen Unterstützungsangeboten insbesondere bei längerer Arbeitslosigkeit, zum Beispiel der Ausbau des „2. Arbeitsmarktes“ (etwa Sozialökonomische Betriebe, Gemeinnützige Beschäftigungsprojekte, öffentliche Beschäftigung für Langzeitarbeitslose).     


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