20.06.2016

Faires Leder? Produktionsbedingungen bei Schuhen

Im Schnitt kaufen die ÖsterreicherInnen sechs Paar Schuhe im Jahr. Die Clean Clothes Kampagne hat im Auftrag der AK sieben österreichische Schuhfirmen unter die Lupe genommen. Ernüchterndes Ergebnis: Vier Unternehmen haben geantwortet und zeigen damit ein Mindestmaß an Transparenz. Aber leider kümmern sich die heimischen Schuhunternehmen nicht wirklich darum, wie es um Arbeitsrechtsverletzungen, gerechte Löhne oder Sicherheit in den Produktionsstätten steht. Auch die Firmenwebsites schweigen darüber - Konsumenteninfos bleiben meist auf der Strecke.  

In einer EU-weiten Studie wurde das soziale Engagement von insgesamt 29 führenden Schuhherstellern untersucht. Dabei wurden auch im Auftrag der AK Wien und AK Oberösterreich in Kooperation mit der Clean Clothes Kampagne und GLOBAL 2000 sieben österreichische Schuhunternehmen befragt, von denen vier geantwortet haben. Die Ergebnisse beziehen sich auf die Antworten der Unternehmen selbst.  

Analyse der österreichischen Schuhfirmen

Die befragten heimischen Unternehmen weisen in ihren Antworten keine strategischen Pläne aus, wie sie Arbeitsrechtsverletzungen in den Zulieferbetrieben kontrollieren und verbessern können. So ist z.B. keines der Unternehmen Mitglied von bekannten unabhängigen Überprüfungsorganisationen, deren Ziel die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist. Darüber hinaus setzen sich die österreichischen Schuhfirmen zu wenig mit den Themen gerechte Löhne und Sicherheit am Arbeitsplatz in den Produktionsländern auseinander. So stellt kein Unternehmen Berechnungen an, wie hoch eigentlich ein existenzsichernder Lohn in den Produktionsländern sein müsste – gesetzliche Mindestlöhne liegen nämlich meist unter dem Existenzminimum. Dies betrifft sowohl die Produktion in Asien, aber auch in Europa. Damit vernachlässigen die Firmen ihre sogenannte „menschenrechtliche Sorgfaltspflicht“. Hinter diesem etwas sperrigen Wort verbergen sich nichts weniger als die UN-Leitprinzipien für Wirtschafts- und Menschenrechte. Unternehmen sind weltweit dazu verpflichtet, diesen Prinzipien entlang der globalen Lieferkette nachzukommen. 

Äußerst ungenügend schneiden alle heimischen Unternehmen auch bei der Konsumenteninformation ab. Auf den Firmenwebseiten finden sich kaum Infos über die Aktivitäten der Unternehmen in Bezug auf die Produktionsbedingungen und ihre Lieferkette. Damit tappen auch KonsumentInnen im Dunkeln, die sich vor ihrem Kauf informieren möchten. Insgesamt finden sich die österreichischen Unternehmen leider in der schlecht bewerteten Kategorie „Zögerliche erste Schritte“, lediglich Legero konnte eine Stufe höher in die Kategorie „Kommt in die Gänge“ eingereiht werden.

Die Ergebnisse im Detail

Nur vereinzelt können positive Aspekte hervorgestrichen werden: Einige Schuhunternehmen produzieren zum Teil noch in Österreich und haben eigene Produktionsstätten, wodurch Zulieferketten kurz gehalten werden können. Paul Green hat laut eigenen Angaben in seinem Werk in Kroatien einen Betriebsrat. Think! hat als erstes einen Schuh hergestellt, der mit dem österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet wurde. Hartjes wiederum zahlt nach eigenen Angaben in den Produktionsländern zusätzlich ein 13. und 14. Monatsgehalt. Richter gibt an, dass zumindest ein Zulieferbetrieb in Vietnam eine Gewerkschaft vorweisen kann und höhere Löhne als die gesetzlichen Mindestlöhne zahlt. Trotz der bescheidenen Ergebnisse kann es als vorsichtiges positives Zeichen gewertet werden, dass sich Unternehmen am Befragungsprozess beteiligt haben. Gar keine Auskunft, woher das Leder für die Schuhproduktion bezogen wird bzw. inwiefern man sich um faire Arbeitsbedingungen bemüht, gab es hingegen von den heimischen Firmen Waldviertler, der Lorenz Shoe Group und Leder & Schuh AG. 

Forderungen

Die Bestrebungen der österreichischen Unternehmen sind insgesamt sehr bescheiden. Es muss vor allem auf gerechte Entlohnung und Arbeitssicherheit geachtet werden. Gerade bei heimischen Unternehmen erwarten sich Konsumentinnen und Konsumenten für hochpreisige Schuhe auch angemessene Produktionsweisen. Insbesondere Unternehmen, die mit Nachhaltigkeit und Regionalität werben, sollen transparent kommunizieren. Auch als interessierter Konsument ist es schwer, zu relevanten Informationen über die Produktionsbedingungen über die Firmenwebseiten zu kommen.

Grafik © Clean, Clothes

Grafik: Clean Clothes. Die Zuordnung zu den Kategorien erfolgte auf Basis der Auskünfte der Unternehmen anhand eines Bewertungsbogens durch Clean Clothes.

Vergleich mit europäischen Unternehmen

Neben den sieben Österreichischen Schuhunternehmen, wurden im Rahmen eines internationalen Projektes der Clean Clothes Kampagne auch 22 internationale Firmen bewertet. Die Ergebnisse machen deutlich, dass sich auch internationale Schuhhersteller und Händler noch viel zu wenig darum kümmern, unter welchen Bedingungen ihre Schuhe hergestellt werden. Von den Unternehmen konnte keines der besten Kategorie „Im Laufschritt voraus“ zugeordnet werden. Die Marken El Naturalista, Eurosko und adidas schafften es zumindest in die Kategorie „Auf gutem Weg“. Die österreichischen Unternehmen rangieren im europäischen Vergleich im unteren Feld und nehmen leider keine Vorreiterrolle ein.  

Transparenz ist auch bei internationalen Anbietern eine Seltenheit. So stellten nur die Hälfte der Unternehmen Information über ihre Maßnahmen für faire Arbeitsbedingungen zur Verfügung. Konsumentinnen und Konsumenten haben kaum eine Chance, sich für einen nachhaltig produzierten Schuh entscheiden zu können, da die Hersteller und Händler einfach keine Informationen zur Verfügung stellen. Mit dieser ersten Bewertung, sollen Firmen dazu motiviert werden, Konsumenten und Konsumentinnen besser über die Herstellung ihrer Schuhe zu informieren.

Schlechte Arbeitsbedingungen in Osteuropa

Die Clean Clothes Kampagne belegt in einer weiteren Studie „Labour on a Shoestring“, dass in der Schuhindustrie in Osteuropa die Näherinnen ebenso wie in Asien oder Lateinamerika mit Löhnen abgefertigt werden, die unterhalb der Armutsgrenze liegen. „Made in Europa“ ist keine Garantie für menschenwürdige Arbeitsbedingungen, die Kluft zwischen den ausgezahlten und existenzsichernden Löhnen ist teilweise noch größer als in asiatischen Produktionsländern. Schuhunternehmen müssen sich klar zu einem Existenzlohn bekennen und konkrete Schritte setzen, damit wer immer für sie arbeitet, egal auf welchem Teil der Welt, einen Lohn erhält, der ein menschenwürdiges Leben ermöglicht.

Globale Lederproduktion: Noch lange nicht fair

Die neue Studie „Auf der Stelle (ge)treten“ über die indische Lederschuherzeugung deckt auf, dass Menschen, die Schuhe für den europäischen Markt fertigen, mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen konfrontiert sind. Indien ist das Land mit der weltweit zweitgrößten Schuhproduktion nach China – allein im Jahr 2015 produzierte das Land über 2,2 Mrd. Paar Schuhe. Die Studie „Auf der Stelle (ge)treten“ basiert auf der Befragung von Beschäftigten mehrerer Schuh- und Lederfabriken in Ambur in Südindien und Agra in Nordindien. Die Erzählungen der Arbeiterinnen und Arbeiter zeichnen ein erschreckendes Bild des Arbeitsalltags in der indischen Schuh- und Lederproduktion. Die Befragten berichten von Löhnen weit unter dem Existenzminimum, von erzwungenen Überstunden, unzureichendem Schutz vor Gesundheits- und Sicherheitsrisiken, Verbot von Gewerkschaften und Diskriminierung aufgrund von Geschlechts- oder Kastenzugehörigkeit.

Tipps

  • Ein Kurzbericht zu den österreichischen Schuhunternehmen sowie eine kurze Zusammenfassung zu den Gesamtergebnissen in Deutsch.
  • Den Bericht zu den Ergebnissen der europäischen Schuhunternehmen „Trampling Workers Rights Underfoot“ sowie den Bericht zu den Arbeitsbedingungen in Mittel- und Südosteuropa „Labour on a Shoestring“ finden Sie auf Englisch auf den Seiten der Clean Clothes Kampagne
  • Die Kurzfassung der Studie „Auf der Stelle (ge)treten – Arbeitsrechtsverletzungen in der indischen Leder- und Schuhindustrie“ finden Sie hier.

Was wir fordern

  • Schuhproduzenten sollen Sozialstandards einhalten - das muss Teil einen verantwortungsvollen Unternehmenspolitik sein.
  • KonsumentInnen müssen darüber informiert werden, welche Aktivitäten ein Unternehmen setzt, um soziale Standards in der Produktion einzuhalten. Nur so können sich KonsumentInnen bewusst für fair produzierte Schuhe entscheiden. 

Was Sie als Konsumentin oder Konsument tun können

  • Nachfragen kostet nichts - haken Sie nach, ob es Informationen über die Produktionsbedingungen der Schuhe gibt, die Sie gerne kaufen möchten.  
  • Schreiben Sie der Geschäftsführung einen Brief, in dem Sie um eine schriftliche Auskunft über die Produktionsbedingungen ersuchen. Hier finden Sie einen Textentwurf. 
    Musterbrief: Sind die Schuhe fair produziert? (0,1 MB)

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