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Der Gemüsegarten Europas: Almería, ein Meer aus Plastik

Der Preis für unser Gemüse

Auf Spaniens Gemüseplantagen arbeiten tausende Migranten aus Afrika. Ohne Aufenthaltsgenehmigung, ohne Rechte, schlecht bezahlt und der Willkür der Unternehmer ausgeliefert. Vertreter von Arbeiterkammer und ÖGB haben das Elend dieser Menschen in einem Video dokumentiert. Sie können das Video auf youtube sehen.

450 Quadratkilometer Plastikmeer

450 Quadratkilometer Plastikfolie bedecken den Boden der spanischen Provinz Almería, von den Ausläufern der Sierra Nevada bis zur Costa del Sol. Eine Fläche, so groß wie der Bezirk Linz-Land. Die Touristen stört vielleicht die Optik der Gewächshäuser, das menschliche Elend hinter den Folien bleibt ihnen zumeist verborgen. In Almería wird Treibhausgemüse produziert, vor allem für den EU-Binnenmarkt. Während der Wintermonate sind Tomaten, Paprika, Gurken und Zucchini aus Spanien der Renner in den österreichischen Kaufhäusern. Das "Wirtschaftswunder" Almería ist allerdings nur durch die Ausbeutung billiger und rechtloser Arbeitskräfte möglich.

Große Hoffnung Europa

Rund 100.000 Migrantinnen, die mit großen Erwartungen und Hoffnungen auf ein besseres Leben nach Europa gekommen sind, arbeiten in den Gewächshäusern von Almería. Die meisten stammen aus Marokko und anderen Staaten des Maghreb, den Ländern südlich der Sahara, aus Lateinamerika und sogar aus Osteuropa. Viele kommen mit Booten über Nacht nach tagelanger Fahrt nach Spanien.

Andere erkaufen sich bereits in ihrem Herkunftsland einen Arbeitsvertrag für mehrere tausend Euros, die sie über Jahre mühsam wieder zurückzahlen müssen. Im Laufe der Zeit haben sich Schlepperbanden gebildet, die gegen Bezahlung Personen in Lastwagen versteckt, ohne Wasser und im Dunkeln, stundenlang bei größter Hitze und auf engstem Raum eingepfercht, nach Europa karren.

Gibt es heute Arbeit?

Fixe Verträge, die den Migrantinnen und Migranten während der ganzen Saison Beschäftigung garantieren, sind eher die Ausnahme. Viele Arbeiter/-innen versuchen jeden Tag aufs Neue Arbeit zu finden, in dem sie zu den Betreibern der Gewächshäuser gehen und fragen, ob sie an diesem Tag für sie arbeiten können.

Viele versuchen ihr Glück auch am sogenannten Arbeiterstrich: an bekannten Straßen in den Gebieten von El Ejido, Almería und San Isidor/Nijar bieten Arbeiter/-innen frühmorgens ihre Arbeitskraft an. Die Landwirte, auch "Patrones" genannt oder deren Vorarbeiter, kommen mit kleinen Bussen und LKW's und suchen sich ihre Tagelöhner aus. Die Auswahl erfolgt nach Alter, Größe und Aussehen, wie auf einem Viehmarkt.

Erntehelfer in den Gewächshäusern von Almería

In den "Invernaderos", den Gewächshäusern, sind hauptsächlich Männer beschäftigt. Migrantinnen arbeiten häufig in Verpackungsbetrieben und als Pflege- oder Hauspersonal. Zahlreiche Frauen landen aus Verzweiflung auch in der Prostitution und verdienen ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit. Schätzungsweise 80 Prozent der Prostituierten in Spanien sind Migrantinnen im Alter von 20 bis 35 Jahren.

Arbeit voller Qualen

Vor allem in den warmen Frühlings- und Sommermonaten herrschen unter den Plastikplanen Temperaturen bis zu 50 Grad, die die harte körperliche Arbeit zur Qual machen. Pausen sind selten und auch Sanitäranlagen sind rund um die Gewächshäuser nicht zu finden. Häufig müssen die Arbeiter/-innen Akkordarbeit leisten. Sie sind zwar laut Vertrag zum Beispiel für 6,5 Stunden angestellt, müssen aber eine gewisse Anzahl an Gemüsekisten pro Tag erbringen. Erwischen sie eine schlechte Reihe mit geringer Gemüsedichte, ist das in der vorgegebenen Zeit kaum zu schaffen.

Kollektivvertrag wird ignoriert

Laut Kollektivvertrag müssten die Arbeiter/-innen 44 Euro Lohn pro Tag erhalten. Laut Aussagen von ArbeiterInnen und Gewerkschaften sind Tageslöhne zwischen 33 und 36 Euro die Realität. Manche erhalten gar nur 20 Euro für einen Tag Arbeit im Gewächshaus. Laut Kollektivvertrag wären Unternehmen auch verpflichtet, ab 180 Arbeitstagen pro Jahr ihre Arbeiter/-innen zur Sozialversicherung anzumelden. Um sich diese Kosten zu sparen werden viele auf dem Papier kürzer oder gar nicht angestellt. Teilweise werden Löhne über Monate nicht ausbezahlt und die ArbeiterInnen auf bessere Zeiten vertröstet.

Sich zu beschweren oder Widerstand zu organisieren trauen sich nur wenige, da ihnen seitens der Arbeitgeber nicht selten mit Anzeige bei der Polizei gedroht wird.

Ohne Papiere rechtlos

Viele der Landarbeiter/-innen in Almería befinden sich ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in Spanien. Eine Aufenthaltsgenehmigung ist davon abhängig, ob man ein Jahr durchgehend in Spanien angemeldet war. Auch ausreichend finanzielle Mittel von beispielsweise Verwandten können zum Erhalt einer Aufenthaltsgenehmigung führen.

Elendsquartiere zwischen den Gewächshäusern

Die meisten Arbeiter/-innen können sich aufgrund des geringen Einkommens und der hohen Mieten keine eigene Wohnung leisten. Es bilden sich daher Siedlungen zwischen den Gewächshäusern, sogenannte "Chabolas". Es handelt sich dabei um aus alten Paletten, Kartons und Plastikabfällen zusammengezimmerte Hütten, in denen die Menschen unter unwürdigen Bedingungen auf engstem Raum zusammen leben. Das Wasser muss meist kilometerweise in Kanistern herbeigeschafft werden und Sanitäranlagen sind nicht zu finden.

Nicht selten kommt es aufgrund nicht korrekt verlegter Stromleitungen zu Kurzschlüssen und gefährlichen Bränden inmitten der eng bebauten Chabolas.

Rassisten und Ausländerfeinde

Die Situation zwischen den Spaniern und den Migrant/-innen ist angespannt. Die Einheimischen kämpfen aufgrund der Weltwirtschaftskrise selbst mit einer hohen Arbeitslosenrate und geben gerne den Ausländer/-innen Schuld an ihren Problemen. Rassistische Ausschreitungen sind daher keine Seltenheit. Tatsächlich arbeiten aber kaum Einheimische in den Gewächshäusern von Almería. 99 Prozent der Arbeiter/-innen in den "Invernaderos" sind Migrantinnen und Migranten.

Intensive Landwirtschaft schädigt Umwelt

Die Bewässerung der Pflanzen in den Gewächshäusern wurde von einer großflächigen Bewässerung auf eine Tröpfchen-Bewässerung umgestellt. Jede Pflanze wird dadurch gezielt bei ihrem Wurzelstock bewässert. Eine Schicht von Sand über der Erdfläche hilft zusätzlich, die Pflanzen länger feucht zu halten. Für die Wasserversorgung in Almería wurde Wasservorkommen den Alpujarras, dem nahegelegenen Gebirge, angezapft. Auch an Meerwasser-Entsalzungsanlagen wird bereits gearbeitet.

Der Einsatz von Pestiziden wird nach Aussagen von Landwirten und Beamten auch in der konventionellen Landwirtschaft reduziert. An Stelle von Sprühmitteln, so die offizielle Version, versuche man Nützlinge zur Bekämpfung von Schädlingen einzusetzen. Einige Arbeiter/-innen erzählen jedoch, dass nach wie vor Spritzmittel verwendet werden. Nicht immer stehen dafür Schutzanzüge zur Verfügung. Auch von Hilfsorganisationen vor Ort wird von Krankheiten erzählt, die höchstwahrscheinlich durch Spritzmittel verursacht wurden.

Ebenso versucht man Plastikabfälle der Gewächshausplanen mehr und mehr dem Recycling zuzuführen. Dennoch finden sich rund um die Gewächshäuser Berge von Plastik und faulem Gemüse.

Der Einsatz von Pestiziden wird nach Aussagen von Landwirten und Beamten auch in der konventionellen Landwirtschaft reduziert. An Stelle von Sprühmitteln, so die offizielle Version, versuche man Nützlinge zur Bekämpfung von Schädlingen einzusetzen. Einige Arbeiter/-innen erzählen jedoch, dass nach wie vor Spritzmittel verwendet werden. Nicht immer stehen dafür Schutzanzüge zur Verfügung. Auch von Hilfsorganisationen vor Ort wird von Krankheiten erzählt, die höchstwahrscheinlich durch Spritzmittel verursacht wurden. 

Ebenso versucht man Plastikabfälle der Gewächshausplanen mehr und mehr dem Recycling zuzuführen. Dennoch finden sich rund um die Gewächshäuser Berge von Plastik und faulem Gemüse.

Wer verdient am Elend?

Als Grund für die schlechte Bezahlung wird von den Unternehmen meist der schlechte Abnehmer-preis argumentiert. Für ein Kilo Tomaten erhalten die Produzenten derzeit zwischen 5 und 15 Cent. Der Betrieb von einem Hektar Gewächshaus kostet zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Vor allem kleinere Betriebe kämpfen bei niedrigen Abnahmepreisen damit, zumindest kostendeckend zu wirtschaften. Für ein Kilo Tomaten zahlt man in österreichischen Supermärkten durchaus 5 bis 8 Euro. Die Differenz stecken vermutlich Zwischenhändler ein. Viel Ware verdirbt und die Supermarktketten kalkulieren diese Ausfälle in ihre Margen ein.

Biologische Landwirtschaft

Bis dato wird nur ein kleiner Teil von rund 5 Prozent der Produktionsflächen auf biologische Weise bewirtschaftet. Die Nachfrage nach biologisch erzeugtem Gemüse steigt aber auch in Spanien. Dennoch bedeutet biologische Landwirtschaft nicht automatisch, dass auch soziale Standards eingehalten werden. Ein Siegel wie beispielsweise das Fairtrade-Zeichen, bei dem die Einhaltung arbeitsrechtlicher und ökologischer Mindeststandards eingehalten und kontrolliert wird, gibt es für Gemüse und Obst aus Spanien (noch) nicht.

Konsument trägt Verantwortung

Die Ausbeutung von Arbeitskräften ist die Basis einer Produktionsweise wie in der Almeria. Ein Boykott von spanischem Gemüses ist aber keine Lösung. Konsumenten sollten sich aber der Situation bewusst sein und Druck durch Hinterfragen auf die Supermarktketten ausüben. Empfehlenswert wäre auch ein Überdenken unserer Ernährungsgewohnheiten. Benötigen wir tatsächlich das komplette Gemüse- und Obstangebot 12 Monate im Jahr oder können und wollen wir auf die Saisonalität von Produkten Rücksicht nehmen?


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