Mindest­pflege­personal­schlüssel deckt Arbeits­bedarf nicht ab

Seit 1998 ist der Mindestpflegepersonalschlüssel für Alten- und Pflegeheime in Kraft. Obwohl die Arbeiterkammer Oberösterreich bereits 2016 eine umfassende Studie zur Personalberechnung in den Heimen präsentiert und mehr Personal gefordert hat, wurde bisher wenig umgesetzt.

Dabei ist der Personalschlüssel schon lange nicht mehr zeitgemäß. Neue Pflegekonzepte, die massive Zunahme von Demenzkranken, die Veränderung der Beschäftigtenstruktur in den Pflegeheimen sowie die Nichtbeachtung von Krankenständen oder Weiterbildungen bringen die Beschäftigten an die Grenzen der Belastbarkeit – und darüber hinaus.

Insgesamt 12.550 Heimplätze stehen in den oberösterreichischen Alten- und Pflegeheimen zur Verfügung. Die Alten- und Pflegeheime sind ein großer Arbeitgeber: 7.899 Menschen (5.874 Personaleinheiten) arbeiten direkt in der Pflege und Betreuung und schaffen Lebensqualität für die Heimbewohner/-innen. 

Pflege­kräfte fühlen sich stark belastet

6 von 10 Pflegekräften fühlen sich psychisch stark belastet. 57,3 Prozent der Pflegekräfte finden die Arbeit psychisch belastend und aufreibend. Der Zeitdruck nimmt laufend zu: Während im Jahr 2016 24,8 Prozent des Pflegepersonals eine sehr starke oder starke Belastung durch Zeitdruck geschildert haben, waren es 2021 bereits 44,1 Prozent. Zum Vergleich: Über alle Branchen hinweg liegt der Wert bei durchschnittlich 32,1 Prozent. 

Pflege von Demenz­kranken unter­bewertet

Sicher ist: die Pflege hat sich verändert. Die Zahl der dementen Bewohner/-innen etwa ist stark angestiegen. Demenzkranke brauchen deutlich mehr Zuspruch und Aufmerksamkeit, bevor Pflegehandlungen vorgenommen werden können. Sie stellen eine große psychische Belastung für die Beschäftigten dar, weil etwa Erklärungen vielfach wiederholt werden müssen. Es kostet viel Kraft, immer geduldig und freundlich zu bleiben. Demente Bewohner/-innen sind oft verwirrt und unruhig. Fürs Beruhigen fehlt aber oft die Zeit, ebenso für den Umgang mit Aggressionen. Auch das ewige Nachlaufen oder auch Suchen der verwirrten Bewohner/-innen zehrt an den Nerven der Beschäftigten.

Pflegen 2022 mit Vor­gaben aus den 90er-Jahren

Der Mindestpflegepersonalschlüssel wurde in einer Zeit entwickelt, in der Pflegeprozessplanung, Evaluierung, Qualitätssicherung, moderne Pflegekonzepte usw. teils noch nicht einmal angedacht wurden. Heute wird erwartet, dass unter geänderten Ausgangsbedingungen mit dem Schlüssel aus dem Jahr 1998 immer mehr und mehr Konzepte zur Steigerung der Lebensqualität eingeführt werden, bei oft gleichbleibenden oder sogar sinkenden Ressourcen. Mehr als „warm-satt-sauber“ ist unter diesen Umständen aber oft nicht möglich.

Die AK OÖ fordert neuen Personal­schlüssel

Aus Sicht der Arbeiterkammer Oberösterreich müssen alle Aufgaben der betroffenen Berufsgruppen in den Alten- und Pflegeheimen langfristig und wissenschaftlich bewertet werden. Daraus sollen transparente und gesetzlich verbindliche Personalschlüssel abgeleitet werden. Die Modelle sind laufend zu prüfen und den Anforderungen anzupassen. Vor allem gilt es auch Veränderungen beim Personal selbst – Weiterbildung, Familienplanung, Altern – und anderen Mehrbedarf einzuplanen.

Als Garantie für eine zukunftsorientierte Versorgungs- und Arbeitsqualität in Oberösterreichs Alten- und Pflegeheimen braucht es in Österreich zudem ein klares Bekenntnis zur öffentlichen Finanzierung der Langzeitpflege und die Bereitstellung der nötigen Mittel.

NOTWENDIGE SOFORTMASSNAHMEN

  • 20 Prozent mehr Personal in den oberösterreichischen Alten- und Pflegeheimen. Das sind 1.200 zusätzliche Personaleinheiten (Vollzeitkräfte).

  • Fehlzeiten (Krankenstand, Urlaub, Fort- und Weiterbildung) müssen in den Personalberechnungen verbindlich berücksichtigt werden können. Schwangerschaften müssen ab dem Tag der Meldung im Dienstpostenplan entsprechend berücksichtigt werden können und ein sofortiger Ersatz muss ermöglicht werden.

  • Weitere verbindliche Regelungen für die Besetzung der Nacht- und Wochenenddienste, ohne dass diese zulasten der Tagesbesetzung gehen.

  • Fokus muss auch auf die Dienstpostenpläne und Arbeitsbedingungen aller weiteren Berufsgruppen im Heim (wie Küche, Reinigung, Verwaltung, Wäscherei, Haustechnik, etc.) gelegt werden.

  • Entlastung der Beschäftigten im Pflegebereich durch eine Arbeitszeitverkürzung.

  • Eine echte Ausbildungsstrategie für die oberösterreichischen Alten- und Pflegeheime inklusive arbeitsmarktpolitischer Initiativen für Ein-, Um- und Wiedereinsteiger/-innen. Das Arbeitsmarktservice und das Land Oberösterreich müssen hier zusätzliche Mittel in die Hand nehmen, um die Pflegeausbildung leistbar zu machen und weiter zu attraktiveren.

  • Pflegegipfel für die Langzeitpflege, um gemeinsam rasch umsetzbare Lösungen zur Verbesserung der Situation zu schaffen. Die Vertretungen der Arbeitnehmerinteressen sind aktiv einzubinden.

  • Auf Bundesebene fordert die Arbeiterkammer Oberösterreich mehr Tempo in der Pflegereform, um endlich die Beschäftigten in der Pflege zu entlasten, den Ausbildungsfonds für Pflegeberufe umzusetzen und die Mittel aufzustocken. Zudem soll der Zugang zur Schwerarbeitspension für Pflegekräfte erleichtert werden.

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